Kultur

Evgeny Titov: "Jeder kann die Welt retten"

Im Mai hat Mateja Koleznik für die Regie von Maxim Gorkis "Sommergäste" bei den diesjährigen Salzburger Festspielen aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Der in Kasachstan geborene, 39-jährige Evgeny Titov ist kurzfristig eingesprungen. Wie er damit umgeht, erzählte er im lockeren "Terrassen-Talk" am Montagvormittag in Salzburg.

Das Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt war bereits fertig, Titov hatte kaum noch Möglichkeiten, die Bühne auf der Pernerinsel in Hallein zu ändern. "Die Frage, ob mir das Bühnenbild gefällt oder nicht, hat sich gar nicht gestellt", sagte Titov. "Mir blieb gar nichts anderes übrig, als es zu meinem Freund zu machen." Und Dramaturgin Janine Ortiz ergänzte, "wir haben das gute Bühnenbild mit einem Kniff zu unserem eigenen gemacht."

Maxim Gorki hat mit seinen "Sommergästen" im Jahr 1904 einen Skandal ausgelöst und soll damit sogar die bolschewikische Revolution maßgeblich befeuert haben. Eine Gruppe reicher Großstädter vertreibt sich im Stück die Zeit auf dem Land mit Alkohol und arrogantem Müßiggang. Plant Titov ebenfalls eine provokante, skandalträchtige Inszenierung?

"Die Frage, ob wir heute den Skandal brauchen, um dem Stück gerecht zu werden, ist sehr schwer zu beantworten. Immerhin gibt es ja auch heute eine Gesellschaftsschicht, die sehr schnell reich geworden ist und sich bedienen lässt. Aber darauf zu zielen, wäre zu platt", erklärte Titov und ergänzte: "Meine 'Sommergäste' sind nicht diese fünf Prozent an Oligarchen und ihren Frauen. Meine 'Sommergäste' sind wir alle. Jeder von uns, der nichts tut als zu reden statt zu handeln, ist ein 'Sommergast'. Ich glaube nicht, dass wir eine Revolution mit der Keule brauchen. Ändern muss sich jeder einzelne. Das ist viel schwerer, als in kollektiver Rage alles kurz und klein zu schlagen. Wir alle können auf irgendetwas verzichten, auf Plastikflaschen zum Beispiel. Mit anderen Worten, jeder von uns kann die Welt retten."

Evgeny Titov hat eine Schauspielausbildung an der Theaterakademie St. Petersburg absolviert, war jahrelang Schauspieler in Russland, bevor er ein Regiestudium am Max Reinhardt Seminar in Wien begann. Titov inszenierte die Uraufführung von Martin Heckmanns' "Mein Herz ist rein" am Staatsschauspiel Dresden. Am Landestheater Linz waren "Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind und "Assassins" von Stephen Sondheim zu sehen. Weitere Arbeiten am Staatstheater Wiesbaden und am Düsseldorfer Schauspielhaus mit Arthur Millers "Hexenjagd" und Bulgakows "Hundeherz" folgten. Dass er als Russe die russische Literatur besser verstünde, glaubt er nicht: "Klar bin ich mit dieser Literatur aufgewachsen und habe sie eingehend studiert. Aber oft stehen einem die eigenen Bilder ja auch im Wege. Zudem bin ich nicht am Zeitgeist interessiert. Mich beschäftigt, was einen Menschen zum Menschen macht."

Ein heikles Diskussionsthema auch innerhalb des Teams der Festspielproduktion dürfte das von Gorki formulierte Frauenbild des Jahres 1904 sein. Im Stück halten die Männer die Frauen für eine minderwertige Rasse, die geschwängert werden muss, damit sie Ruhe gibt und nicht aufmüpfig wird. "Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll", so Titov drei Wochen vor der Premiere am 31. Juli. "Die Männer im Team wollen das so nicht bringen, die Frauen aber unbedingt." Auch Dramaturgin Janine Ortiz, die zusammen mit Titov eine eigene Spielfassung verfasst hat, in der viele kleinere Rollen eliminiert wurden, ist für die krasse Wiedergabe des Originals: "Eigentlich muss man gar nicht viel tun, um dieses Frauen-Modell zu aktualisieren. In gewissen Gesellschaftsschichten gibt es das nach wie vor. Das ist natürlich Dynamit, da wird es ordentlich krachen. Aber es ist unbedingt nötig, diese Sätze genau so auf der Bühne zu hören." Wofür sich das Team aber entscheiden wird, und welche Art von Zusammenbruch der dritte Akt bringen wird, das ließ sich das "Sommergäste"-Team heute nicht entlocken.

Quelle: APA

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