Kultur

Gerhard Ruiss erhält H. C. Artmann-Preis

Die meisten kennen ihn als Geschäftsführer der IG Autorinnen und Autoren, als bestens vernetzten Kulturpolitik-Experten und engagierten Lobbyisten für bessere Arbeitsbedingungen der Kulturschaffenden. Dass Gerhard Ruiss auch ein eifriger Lyriker und Musiker ist, wird nun mit einem Preis der Stadt Wien hervorgehoben: Ruiss erhält den diesjährigen, mit 10.000 Euro dotierten, H. C. Artmann-Preis.

Auszeichnung für sein Werk als Lyriker und Musiker SN/APA/HERBERT PFARRHOFER
Auszeichnung für sein Werk als Lyriker und Musiker

"In präziser Wahrnehmung und Äußerung geht die Dichtung von Gerhard Ruiss auf soziale Zustände ein, auf Beziehungen zwischen Privatem und Politischem, auf Sprachmasken", begründet die Jury (Thomas Eder, Petra Ganglbauer und Klaus Zeyringer) ihre Wahl. "In konsequenter Manier findet Ruiss adäquate Klang-Formen der Verknappung und Rhythmisierung, auch im Dialekt. Seine vielschichtigen Gedichte spielen mit Sprachebenen, reißen Phrasen auf, transponieren (im Wolkenstein-Projekt) Früheres ins Heute. So hat Gerhard Ruiss über mehr als drei Jahrzehnte poetische Gesellschaftsbilder geschaffen, ein originelles lyrisches Werk, das (wie die "Kanzlergedichte") auch politisch zu denken zu geben vermag."

Mit Artmann (1921-2000) verbindet den 69-jährigen in Wien lebenden Niederösterreicher viel, wie er gegenüber der APA schildert: "Ich bin mehr oder weniger mit der 'schwoazzn dintn' und den Villon-Nachdichtungen von H. C. Artmann aufgewachsen. In den 1960er-Jahren waren die Wiener Bezirke noch streng voneinander abgegrenzte eigene Welten, in Artmann waren sich aber alle einig", so Ruiss.

"Persönlich kennengelernt habe ich H. C. Artmann erst viele Jahre später. Wir hätten uns auch schon früher begegnen können, aber ich glaube, Berufspolitik hat ihn nach seiner Präsidentschaft bei der Grazer Autorenversammlung nicht mehr interessiert. Wir haben uns über Auftritte näher kennengelernt. Es hat mich unglaublich bestärkt, dass er eines Tages in einer meiner Lesungen gesessen ist und ich mitten im Lesen von ihm mit einem Bravo-Zwischenruf bedacht wurde."

"Intensiv miteinander zu tun hatten wir ab der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre. Artmann wurde von der FPÖ angegriffen und ich habe mit u.a. Peter Turrini und Elfriede Jelinek ein Komitee gegründet und alles nur Mögliche zu seiner Ehrenrettung versucht. Dieser politische Angriff auf ihn hat ihn zutiefst verletzt, vor allem, weil er selbst nie jemanden persönlich öffentlich angegriffen hat", schildert Ruiss.

"In diesen Jahren bis zu seinem Tod hat sich unser Kontakt intensiviert, wir hatten zahlreiche gemeinsame Auftritte und schon dadurch ständig Kontakt. Noch kurz vor seinem Tod wollte er sich einen Rollstuhl zum Demonstrieren gegen die FPÖ-Beteiligung in der Regierung besorgen. Wir haben ausgemacht, ich gehe für ihn mitdemonstrieren", blickt der Autor zurück.

"Literarisch war Artmann für mich immer 'Das Prahlen des Urwaldes im Dschungel', wie einer seiner Buchtitel lautet. Mit ihm in Verbindung gesehen zu werden, stellt für mich allein schon eine unschätzbare Auszeichnung dar" so Ruiss, der neben seinen dreibändigen Oswald von Wolkenstein-Nachdichtungen u.a. Bände mit "Kanzlergedichten" (2006) und "Kanzlernachfolgegedichten" (2017) veröffentlicht hat. "Nicht einmal jetzt, fast 20 Jahre nach seinem Tod ist mein Kontakt zu ihm abgerissen. Erst im vorigen September habe ich mit Kolleginnen und Kollegen vor dem Wiener Funkhaus für H.C. Artmann demonstriert, weil wir der Meinung waren und sind, dass gerade der ORF Wien zu seinem heurigen 20. Todestag und seinem nächstjährigen 100. Geburtstag mehr Artmann spielen muss."

2012 wurde Gerhard Ruiss der Professorentitel verliehen. Die offizielle Verleihung des H. C. Artmann-Preises findet am 6. November um 18 Uhr im Kabinetttheater statt. Bisherige Preisträger der seit 2004 biennal verliehenen Auszeichnung waren Peter Waterhouse, Ferdinand Schmatz, Oswald Egger, Erwin Einzinger, Franz Josef Czernin, Elfriede Czurda, Anselm Glück und Gundi Feyrer.

Quelle: APA

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