Kultur

Hermann Nitsch wird demnächst 80

Betritt man Schloss Prinzendorf im Weinviertel, wähnt man sich nicht im Zuhause eines Skandalkünstlers. Hinter dem Eingangstor mit dem simplen Schild "Nitsch" breitet sich ein wahres Kleinod vor dem Besucher aus: üppige Rosensträucher, barocke Architektur, lebendige Tierwelt. Seit über 40 Jahren hat Hermann Nitsch hier seinen Ruhepol gefunden. Am 29. August wird der weltbekannte Künstler 80.

Der Meister zeigt sich keineswegs altersmilde SN/APA/ROLAND SCHLAGER
Der Meister zeigt sich keineswegs altersmilde

Wie sehr er es genießt, in den sanften Hügeln und weiten Feldern der Landschaft eingebettet aus dem Fenster zu blicken, wird im Gespräch schnell klar. Zwei Hunde begrüßen "Eindringlinge" ebenso neugierig wie die Schlosskatze, die offenbar stets zum Spielen aufgelegt ist. Hat man genügend Zeit, wird auch eine Ziege vorstellig oder stolziert ein Pfau über den Innenhof des Anwesens. "Wir haben viele Pfauen!", berichtigt ein sichtlich stolzer Nitsch sogleich den falschen Eindruck, dass das exotische Tier alleine auf weiter Flur wäre.

Für diese Idylle ist Hermann Nitsch einen weiten Weg gegangen - und hat viele Kämpfe ausgefochten. Am 29. August 1938 in Wien geboren, war seine Kindheit geprägt von den Wirren des Krieges. Nur wenige Monate, bevor er das Licht der Welt erblickte, kam es zum "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland. Der Vater fiel im Krieg, Nitsch wurde von seiner Mutter alleine großgezogen. "Ich habe in diesem Alter schon wirklich Todesangst gehabt und begriffen, was es heißt, zu sterben, die Wohnung zu verlieren und kein Zuhause zu haben. Ich glaube schon, dass diese dramatische Situation etwas bei mir hinterlassen hat", wird Nitsch darüber in einem aktuellen Katalogtext zitiert.

Nach dem Krieg besuchte Nitsch in Wien die Grafische Lehr- und Versuchsanstalt, und bereits seine ersten Arbeiten zeugten vom Interesse an religiösen Themen, mit denen er sich Zeit seines Lebens beschäftigen sollte. Ursprünglich wollte er sogar Kirchenmaler werden, seine Diplomarbeit war etwa ein Bibelumschlag. Zur selben Zeit entsteht aber auch seine Idee für das Orgien Mysterien Theater - prägend für alles, was danach kommen sollte: Nitsch verfolgt bis heute einen allumfassenden Ansatz, bei dem er Text, Musik, Malerei und Performance gesamthaft verknüpft.

In den 60er-Jahren wird er dank der damit zusammenhängenden Aktionen, die zunächst noch mit Farbe, sukzessive aber mit Blut, Eingeweiden und Tierkadavern vonstattengehen, zum Mitbegründer des Wiener Aktionismus - und sieht sich alsbald mit harscher Kritik, Anfeindungen und Inhaftierungen konfrontiert. Doch während die Öffentlichkeit zum Teil mit Unverständnis auf Nitsch reagiert, stellen sich auch erste große Erfolge ein. So nimmt er in der Folge an der documenta in Kassel teil, stellt in New York und London aus und verfolgt weiter konsequent seine Vision des Gesamtkunstwerks.

Dass sich konservative und auch rechte Parteien immer wieder und zum Teil bis heute an seiner Arbeit stören, nimmt Nitsch mittlerweile mit einer gewissen Gelassenheit hin. "Ich habe für Politik nichts übrig", erzählte er im Frühjahr im APA-Interview, "aber es gibt schon politische Auffassungen, die meine Arbeit immer noch bekämpfen." Selbst habe er nicht mehr die Kraft, all diese Kämpfe aufzunehmen. Dabei sind es wohl genau seine Streitbarkeit und sein unbeirrbarer Wille, der eigenen Vorstellung zu folgen, die letztlich zu seiner Etablierung in der Kunstwelt führten.

Bald nach dem Erwerb von Schloss Prinzendorf Anfang der 1970er-Jahre wird das Anwesen nicht nur zum persönlichen, sondern auch künstlerischen Mittelpunkt für Nitsch. Den Kauf machte ihm seine zweite, später nach einem Unfall verstorbene Frau Beate möglich. Im Schloss wurden zahlreiche Aktionen des Orgien Mysterien Theaters aufgeführt und kam es 1998 auch zum legendären 6-Tage-Spiel, das der Künstler selbst als bisherigen Höhepunkt seines Schaffens ansieht. Die Veranstaltung führte zu einem enormen Medienrummel und sorgte für viel Erregung.

Dennoch schaffte es Nitsch, der sich davor schon als Opernausstatter und Regisseur versuchte und seither auch immer wieder als Komponist in Erscheinung trat, trotz aller Kritik stets seinen eigenen Idealen treu zu bleiben. Auszeichnungen wie der Österreichische Kunstpreis für bildende Kunst (1984) sowie der Große Österreichische Staatspreis für bildende Kunst (2005) sind nur zwei von vielen Ehrungen für einen Künstler, dem schon zu Lebzeiten zwei Museen (in Mistelbach und Neapel) gewidmet sind. Dessen ungeachtet lassen seine Aktionen auch heute noch Kritiker und Tierschützer auf die Barrikaden steigen.

Natürlich wird auch der 80. Geburtstag umfassend gefeiert: So gab es schon im Zuge des alljährlichen Pfingstfestes die Eröffnung der Mistelbacher Ausstellung "Leben und Werk", die anhand zweier parallel laufender Erzählstränge das Biografische mit dem Künstlerischen verknüpft und die Person Nitsch in äußerst vielen Facetten greifbar macht. Dem steht das ihm gewidmete Haus in Neapel natürlich nicht nach, wird das Museo Nitsch doch im September eine weitere Werkpräsentation vorstellen.

Mistelbach wird aber auch am 1. September zur Pilgerstätte für Nitsch-Fans, steigt dann doch die bereits 155. Aktion des Künstlers. Es ist das erste Mal, dass Nitsch eine Aktion in den dortigen Räumlichkeiten umsetzt. Im Fokus steht eine von ihm komponierte Sinfonie für großes Orchester, Blaskapelle und Chor. Die musikalische Leitung liegt bei Andrea Cusumano. Das Ganze ist laut Beschreibung auch als Einführung in das legendäre 6-Tage-Spiel zu verstehen. Im Anschluss steigt dann ein großes Geburtstagsfest.

Es gibt also reichlich Gelegenheit für Anhänger, tiefer in die Materie einzutauchen, und für Neulinge, sich mit dem Schöpfungsprozess von Nitsch auseinanderzusetzen. Und der Meister selbst? Genießt das Leben im Schloss, zeigt sich aber keineswegs altersmilde. Neben der Geburtstagsaktion steht immer noch das Vorhaben einer Neuauflage seines 6-Tage-Spiels an. "Ich hoffe, dass ich noch offene Zeit für die Entwicklung meiner Arbeit habe", so Nitsch. "Ich finde es größenwahnsinnig zu glauben, jetzt ist das Werk abgeschlossen." Wobei für ihn ohnehin nur eine Maxime gilt. "Ich glaube an die Schöpfung, an die Natur, an das Sein. Das ist meine Religion."

(www.nitsch.org; www.nitsch-foundation.com; www.nitschmuseum.at; www.museonitsch.org)

Quelle: APA

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