Kultur

Im Linzer Landestheater geht der "Voest-Geist" um

Dokus müssen nicht immer über den TV-Schirm flimmern, man kann sie auch höchst unterhaltsam auf die Theaterbühne bringen. Das haben Autorin Regine Dura und Regisseur Hans-Werner Kroesinger am Freitagabend in den Linzer Kammerspielen einmal mehr bewiesen. "Mythos Voest" spürt dem "Voest-Geist" nach. Das Publikum der Uraufführung war begeistert.

Heute ist die voestalpine ein Vorzeigeunternehmen, "one step ahead". In bestem Marketing-Sprech bekommt man zu Beginn die Leistungen des Konzerns, seine Bedeutung für die Stadt Linz, das Land Oberösterreich, den Standort referiert - und man fragt sich: Wurde das von der Pressestelle der voestalpine geschrieben, im Büro eines Politikers oder in der Interessenvertretung der Industrie?

Weder noch, merkt man bald. Denn Dura und Kroesinger haben sich durch Unmengen von historischen Dokumenten gewühlt und lassen ihr fünfköpfiges Ensemble ausgewählte Passagen vortragen. Gunda Schanderer, Angela Waidmann, Jenny Weichert, Sebastian Hufschmidt und Benedikt Steiner rattern Zahlen, Daten, Fakten herunter und schaffen es trotzdem, alles locker wirken zu lassen. Chapeau!

Der Blick wandert nach dem theatralischen Hochglanzprospekt zu Beginn rasch zu den dunklen Anfängen: Den Hermann Göring Werken musste einst das Dorf St. Peter samt Kirche weichen, 4.500 Menschen wurden unsanft umgesiedelt. Bevor in späteren Jahrzehnten die "Stahlburschen" zum Archetyp des stolzen, gewerkschaftlich organisierten Werktätigen wurden, mussten Zwangsarbeiter und Tausende KZ-Gefangene am Gelände schuften. Viele ließen beim Bau des Hochofens ihr Leben. Im Krieg wurde das Werk schließlich großteils zerstört.

Es folgten Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Privilegien der Verstaatlichten. Wer in der Voest war, brachte auch seine Kinder hier unter, trug am Fußballplatz blau-weiß, zählte den Betriebsrat beinahe zur Familie, kaufte in Werks-Geschäften billig ein, bekam Heizmaterial gestellt - das Ensemble intoniert unter der Leitung von Nebojsa Krulanovic humorvoll "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da" als Walzer ebenso wie als Popsong.

Die heile Welt wurde aber nicht nur durch die sprichwörtlich schlechte Linzer Luft getrübt. Der Verkauf von Kanonen an Iran und Irak - wenn man in einem Krieg beide Gegner beliefert, ist das doch schließlich auch irgendwie neutral, oder? - wurde zu einem der großen Skandale der Zweiten Republik. Um den überraschenden Tod des ehemaligen Voest-Chefs Heribert Apfalter ranken sich heute noch Gerüchte. Auf Skandale und Pleitegeier folgten Börsegang und Privatisierung.

Rob Moonen schafft es, mit transparenten Spiegeln und sparsamen Videos die eigentlich recht überschaubare Bühne der Kammerspiele optisch um Einiges zu vergrößern. Dank Stahlgerüst und offenem Blick auf die Bühnentechnik wähnt man sich in einer Fabrikshalle oder in der voestalpine Stahlwelt, dem heutigen Besucherzentrum des Konzerns. Dieser Assoziation folgend tauschen die Schauspieler ihre "Blauen" gegen weiße Kittel und Anzüge und produzieren wieder PR-Sprechblasen. Moderne Unternehmensführung manifestiert sich eben gerne in Programmen mit klingenden Namen und Abkürzungen - wie SUN (sicher-unfallfrei-nüchtern) gegen den exzessiven Bierkonsum am Hochofen oder LIFE (lebensfroh, ideenreich, fit und erfolgreich) für längeren Verbleib im Erwerbsleben.

Das Publikum wird in den kurzweiligen zweieinviertel Stunden nicht belehrt, hat aber wohl sein lokales Geschichtswissen aufgefrischt. Die Frage, ob es bald ein Stahlwerk ohne Menschen geben wird, muss jeder für sich klären - ebenso wie jene, ob es nun "Der Mensch ist Mittelpunkt" oder "Der Mensch ist Mittel, punkt"? heißen sollte.

Quelle: APA

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