Kultur

ImPulsTanz: Sprechende Körper in "Foreign Tongues Babylon"

Gerade in der Urlaubszeit wird oft deutlich: Je besser man eine Sprache beherrscht, je sprachmächtiger man ist, desto mehr Handlungsspielraum eröffnet sich. Chris Haring führt diese Prämisse mit seiner Compagnie Liquid Loft ad absurdum: In "Foreign Tongues Babylon (Slang)" suchen die Tänzer die Bedeutungsebene in der Bewegung. Bei ImPulsTanz feierte die Wien-Version am Samstag ihre Uraufführung.

Wie tanzt man das Quietschen einer Türe? Wie würde sich ein startendes Motorrad bewegen, wäre es ein Mensch? Vor den mumok Hofstallungen, inmitten des sich drängenden Publikums, windet sich der aus Korea stammende Tänzer Dong Uk Kim auf dem Asphalt. In seiner Hand ein mobiler Lautsprecher, aus dem abwechselnd das Quietschen und das Motorengeräusch dringen. Zuckend, zögernd, schwerfällig setzt er die Geräusche in Bewegung um. Aus einer anderen Ecke des Hofs erklingen unterdessen erste Stimmen: Langsam schälen sich die acht in Schwarz gekleideten Performer von Liquid Loft aus dem wartenden Publikum, gestikulieren zu den von Andreas Berger zu einer polyfonen Komposition verdichteten Alltagssounds und wirbeln einzeln durch die Menge, nur um sich Momente später wieder zu einem schwerfälligen Ganzen zu verbinden, das sich in Zeitlupe zu dunklen Skulpturen aufbaut.

Sprachen, Dialekte, Slangs: Im Laufe der Jahre haben Liquid Loft in zahlreichen Interviews Sprachaufnahmen angefertigt, die Berger nun - oft kaum verständlich - zu einem großen, rhythmischen Rauschen zusammengefügt hat. Immer wieder treten Aussagen dann wieder klar zutage, hört man einzelne Worte und Sätze in Sprachen und Dialekten wie Katalanisch, Okzitanisch, Suomi oder Obersteirisch. Die Bedeutung des Gesagten tritt dabei in den Hintergrund. Es ist die Sprachmelodie, die Emotion, die Tonlage, die die Performer als Ausgangspunkt für ihre Gestik, ihre Mimik nehmen und das Gesagte behutsam in Tanz überführen.

In der zweiten Hälfte des Abends verlagert sich das Geschehen schließlich in die dunkle, nur unmerklich kühlere Halle der mumok Hofstallung. Im gleißenden Scheinwerferlicht bewegen sich die Tänzer durch das stehende Publikum, führen imaginäre Streitgespräche, drehen sich zu Kinderliedern um die eigene Achse, finden sich zu Zweikämpfen und Liebesakten zusammen und bringen das babylonische Sprachengewirr in wenigen, aber intensiven Gruppenszenen, in denen es mal um kollektive Aufregung, dann wieder um Zusammenhalt geht, zusammen.

42 Sprachen werden in jenem Folder aufgelistet, den die Zuschauer im Anschluss an die 70-minütige Performance erhalten. Darin finden sich auch verrätselte Zeichnungen, die Szenen wie die "Mantra Formation", den "DJ's Speech" oder den "Pasolini Pöbel" grafisch darstellen. Auch hier gilt: Es ist eine fremde (Zeichen)sprache, die sich erst in der körperlichen Umsetzung erschließt.

Mit dem als Serie angelegten "Foreign Tongues" gelingt Chris Haring und seinen Mitstreitern eine eindringliche Vorstellung von einer Welt, in der der Körper die einzelnen Sprachen überwunden hat. Wo es darauf ankommt, auf den individuellen Ausdruck zu achten und die semantische Ebene hinter sich zu lassen. Eine packende Versuchsanordnung, die am Ende des Abends mit viel Applaus gewürdigt wurde.

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Aufgerufen am 07.12.2021 um 12:18 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/impulstanz-sprechende-koerper-in-foreign-tongues-babylon-38408347

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