Allgemein

"Jedem das Seine" in Graz: Lachen im Grenzbereich

Neun Häftlinge landen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs auf einem Bauernhof und proben dort "Wiener Blut": Aus einer absurden Situation heraus entwickelten Silke Hassler und Peter Turrini das Drama "Jedem das Seine", bei dem das Lachen über die Schrecken nicht hinwegtäuscht. Ein außergewöhnlich dichter Abend begeisterte am Freitag im Grazer Schauspielhaus das Publikum.

"Die Welt da draußen will uns töten. Deshalb müssen wir so tun, als wären wir in einer anderen": So lautet die Überlebensstrategie von Lou Gandolf, einem Operettensänger, der 1944 verhaftet und mit acht weiteren Personen immer weiter marschieren muss, ohne zu wissen, wohin. Die zusammengewürfelte Gruppe jüdisch-ungarischer Häftlinge landet in der Scheune eines österreichischen Bauernhofes. Aus dem Aufeinanderprallen der Schicksale der ausgemergelten Gefangenen und der Bauernfamilie entstehen komische Szenen, die aber ständig kippen, und zwar immer dann, wenn einige Zuschauer - offenbar auf Komödie gepolt - vor Vergnügen beinahe kreischen.

Sicher, es ist schon komisch, wenn der sich immer noch feinsinnig-künstlerisch gebärdende Tenor die schlichte Bäuerin umgarnt, um ihr für eine Aufführung von "Wiener Blut" - oder dem verzweifelten Versuch, zumindest eine Szene auf die Beine zu stellen - Essen abzuschmeichlen versucht. Aber dann kippt er vor Hunger um, und dann ist alles nicht mehr so wahnsinnig lustig. Auch wenn die Bauersfrau (erdig und stark: Margarethe Tiesel) Horn spielt und ihrem Nazi-Ehemann (differenziert und genau: Franz Solar) resolut über den Mund fährt - doch wenn man den Grund für seine Verbitterung erfährt, ist plötzlich der ganze Irrsinn dieses Krieges wieder präsent.

Das Thema der Todesmärsche war Silke Hassler ein Anliegen, und durch die sorgfältige Sprache Peter Turrinis entsteht etwas, das allgemeingültig ist und trotzdem schmerzhaft genau trifft. Sandy Lopicic verbindet den Text gekonnt mit Musik, die unglaublich stimmungsvoll ist, volksliedhafte Weisen, jüdische Klänge oder auch Schubert und Smetana. Er zeichnet auch für die Regie verantwortlich, die immer wieder einzelnen Darstellern Möglichkeiten zu feinen, kleinen Menschenporträts gibt.

So zeigt Andri Schenardi als Sänger ("Ich bin kein Jude. Ich bin Tenor") facettenreich einen nur fast Gebrochenen, der aber immer noch an ein Leben nach dem Krieg glaubt und von seiner Rückkehr ans Budapester Operettenhaus träumt. Liebevoll die Zeichnung des jüdischen Schneiders durch Rudi Widerhofer, voller Herbheit und Stolz Evamaria Salcher, berührend in einer einzigen Szene der Musiker Sasenko Prolic. Susanne Konstanze Weber spielt die Magd Poldi als junge Frau voller Schlichtheit, aber nicht ohne Witz. Zuletzt bleibt aber nichts, der Witz, ob jüdisch oder bäuerlich, nützt nichts. "Trag mi Wind", ein Lied nach einem steirischen Mundartgedicht, sang das Ensemble am Ende, und darin heißt es: "Trag mi Wind, übers Land, übers Meer. Wia a Blattl, wia a Tram, fliag i hin, fliag i her." Ein treffender Abschluss einer punktgenauen Aufführung.

SERVICE: http://www.schauspielhaus-graz.com

Quelle: APA

Aufgerufen am 26.09.2018 um 02:58 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/jedem-das-seine-in-graz-lachen-im-grenzbereich-24931198

Schlagzeilen