Kultur

"Karajans Liebste": Sopranistin Mirella Freni gestorben

Engelsstimme und temperamentvolle Diva: Italien trauert um seine Starsopranistin Mirella Freni, die am Sonntag in Modena im Alter von 84 Jahren gestorben ist. Die wegen ihres leuchtenden Timbres bekannte Sängerin hatte mit ihrem Talent große Dirigenten wie Carlo Maria Giulini und Herbert von Karajan verzaubert, die ihre zarte, in allen Lagen außergewöhnlich strahlende Stimme schätzten.

Die 1935 geborene Freni stammte wie der um acht Monate jüngere Luciano Pavarotti aus der norditalienischen Stadt Modena. Mit Pavarotti war die vierte Tochter eines Beamte schon seit Kindheitstagen befreundet und blieb es bis zum Tod des Startenors im Jahr 2007.

Schon Frenis Großmutter Valentina Bartolomasi war eine bekannte Sopranistin. Freni sang mit zehn Jahren erstmals bei einem Wettbewerb eine Arie und begeisterte die Zuhörer. Später riet ihr Startenor Beniamino Gigli zum Gesangsstudium. Freni gilt als Vertreterin der großen italienischen Sopranistinnenschule der Generation nach Größen wie Maria Callas und Renata Tebaldi.

Erste Furore als Micaëla in Carmen

In Schwung kam Mirella Frenis Karriere in den 50er-Jahren zunächst in Italien, als sie mit 19 Jahren ihr Debüt in ihrer Heimatstadt Modena in Bizets Carmen feierte und zwar in Rolle der Micaela. Nach der Geburt ihrer einzigen Tochter 1956 legte die Sopranistin eine Pause ein. Erst nach ihrem Sieg bei einem Wettbewerb im norditalienischen Vercelli im Jahr 1958 ging sie wieder auf die Bühne zurück.

Fünf Jahrzehnte lang sang sie in den prestigereichsten Theatern der Welt und feierte auch an der Wiener Staatsoper Triumphe. Einen Namen machte sie sich in Rollen wie Violetta (La traviata) und Tatjana (Eugen Onegin), aber auch als Susanna in Mozarts "Le nozze di Figaro" in der Verfilmung von Jean-Pierre Ponnelle.

Freni galt als Lieblingssängerin des legendären Herbert von Karajan. Der Dirigent soll über sie gesagt haben, er habe sich mit keiner Sängerin so gut verstanden. Unter seiner Ägide sang sich Mirella Freni als Mimì in "La Bohème" im Jahr 1963 zu Weltruhm. "Ich habe zwei Mal in meinem Leben geweint: als meine Mutter starb und jetzt, als Sie auf der Bühne gestorben sind", sagte Karajan der Sopranistin nach der unvergesslichen Aufführung. Bald darauf war sie die gefragteste Mimì der Welt. Im selben Jahr trat sie als Mimì an der Wiener Staatsoper auf. Für viele Opernfans war Karajans Lieblingssopranistin in ihren Glanzzeiten die weltweit beste Interpretin dieser Rolle.

Sängerin bei den Salzburger Festspielen

Seit 1965 gastierte sie regelmäßig an der New Yorker Met, in den siebziger Jahren gehörte sie zur Stammbesetzung in Salzburg. Bei den Osterfestspielen Salzburg sang 1975 die Mimi in Franco Zefirellis Inszenierung von "La Bohème". 1979 wirkte sie im legendären "Don Carlo" als Elisabetta di Valois mit - mit Nicolai Ghiaurov, José Carreras, Piero Cappucilli, José van Dam und Agnes Baltsa.

Bei den Salzburger Festspielen debütierte sie 1966 in "Carmen" als Micaëla - an der Seite von Grace Bumbry in der Titelrolle.

Als sie in den drei Festspielsommern von 1970 bis 1972 die Desdemona in Verdis "Otello" sang, erntete sie hohes Lob: "Mirella Freni als Desdemona aber wird zum Höhepunkt des Abends. Beweist sie im ersten Liebesduett und später, in der Arie nach ihrer Erniedrigung die ganze Zartheit und silbrige Süße ihres Soprans, so scheint sie im letzten Akt, ihrem Akt, noch über sich hinauszuwachsen", schrieb Hilde Spiel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" am 12. August 1970. Und Gottfried Kraus resümierte in den "Salzburger Nachrichten": "An der Spitze der Sänger steht Mirella Freni, deren Desdemona nicht nur durch Anmut und natürliche Ausstrahlung, sondern auch durch Reinheit und vollkommenste Beherrschung des Singens fasziniert. Hier ist die ideale Synthese von lyrischer Süße und dramatischen Möglichkeiten, die dieser Rolle so selten zuteil wird."

In ihrem letzten Salzburger Festspielsommer, 1980, sang sie die Titelpartie der "Aida" sowie die Sopranpartie in Verdis "Requiem" - alles unter der Leitung Herbert von Karajans. Wie die Salzburger Festspiele in ihrer Presseaussendung am Montag darlegten, schrieb damals der Musikjournalist Norbert Tschulik in der "Wiener Zeitung" (28. Juli 1979): "Noch tiefer, noch stärker aber ist der Eindruck, der von Mirella Freni, der Aida dieses Abends, ausging. Der Ton dieser glockenreinen, wunderbar geführten Engelsstimme drang wieder in die Tiefe unserer Herzen, weil die vollendete Künstlerschaft der Freni über so viel beseelte Innerlichkeit verfügt: Schlicht und ohne Pose stellt sie eine menschlich berührende und darum ideale Aida auf die Bühne."

Traumpaar mit Luciano Pavarotti

Oft agierte Mirella Freni an der Seite von Luciano Pavarotti, mit dem sie ein Operntraumpaar bildete. Unter anderem interpretierte sie an seiner Seite die Oper La Bohème anlässlich des 100. Jahrestages der Uraufführung. Im September 2007 kommentierte sie die Live-Übertragung der Trauerfeier für Luciano Pavarotti in der RAI.

Mirella Freni, die in jungen Jahren den Dirigenten Leone Magiera geheiratet hatte, ließ sich von ihm scheiden und heiratete 1981 den 2004 verstorbenen bulgarisch-österreichischen Bassisten Nikolaj Gjaurow. Nach ihrem Bühnenabschied unterrichtete sie mehrere Jahre lang Nachwuchstalente in ihrer Heimatstadt Modena.

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Aufgerufen am 28.10.2021 um 01:15 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/karajans-liebste-sopranistin-mirella-freni-gestorben-83230210

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