Kultur

Kinder des NS-"Lebensborn"-Heimes Wienerwald erzählen

Das Lebensbornheim am Rande des Wienerwaldes war zu NS-Zeiten ein Entbindungsort für "erbbiologisch wertvolle" Frauen. Ein Projekt des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung (BIK) arbeitet jetzt die Geschichte des Heimes auf. Am Dienstag (20. September) sprechen zum ersten Mal vier ehemalige "Lebensborn-Kinder" in einer Podiumsdiskussion im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich über die Bedeutung, die das Heim "Wienerwald" für sie hat.

Barbara Stelzl-Marx erforschte die Geschichte der "Lebensborn"-Kinder SN/APA/HERBERT NEUBAUER/HERBERT NEU
Barbara Stelzl-Marx erforschte die Geschichte der "Lebensborn"-Kinder

Von Oktober 1938 bis zum Kriegsende 1945 wurden im Entbindungsheim "Wienerwald" in Feichtenbach/Pernitz mindestens 1.188 Kinder geboren. Das ergaben die Recherchen des Forschungsteams rund um Barbara Stelzl-Marx vom BIK in Graz. Hinter dem Heim stand der Verein "Lebensborn". Dieser wurde 1935 von "Reichsführer SS", Heinrich Himmler, gegründet, um Geburten "rassisch" wertvoller Kinder zu fördern. Der Verein unterhielt insgesamt 24 Heime in Deutschland, Österreich, Luxemburg, Belgien, Frankreich und Norwegen, in denen nur Frauen entbinden durften, die die "rassischen" Vorstellungen der SS erfüllten, wie Stelzl-Marx im APA-Gespräch erklärte.

Während dieser Teil der Geschichte bekannt ist, waren etwa die Lebensumstände der Frauen und die Schicksale der dort geborenen Kinder bisher nicht näher erforscht. Das Projektteam des BIK widmete sich diesem Ziel, gefördert vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, vom Land Niederösterreich und vom Zukunftsfonds der Republik Österreich. Einerseits wurden dabei Archivunterlagen, wie etwa Akten der im Heim geborenen Kinder, analysiert. Zum anderen führte das Team persönliche Interviews mit Zeitzeugen, die in Beziehung mit dem Heim standen, aber auch mit den Lebensborn-Kindern selbst, in denen diese über die Auswirkungen erzählten, die die Geburt im "Wienerwald"-Heim auf ihre Familien und auf sie selbst hatte.

"Wir stehen noch am Beginn der Auswertung", so Lukas Schretter, der Projektkoordinator. Schon jetzt zeige sich aber die große Bandbreite im Umgang mit der Familiengeschichte. Stelzl-Marx ergänzt: "Manche Menschen hat es nicht besonders in ihrer Biografie beschäftigt, für andere wurde es zum zentralen Lebensthema. Zum Teil war es ein Familiengeheimnis, zum Teil wurde offen damit umgegangen."

Die Verschiedenheit der Lebensläufe zeigt sich auch an den Lebensborn-Kindern, die im Alter zwischen 77 und 84 Jahren an der Podiumsdiskussion teilnehmen, die in Kooperation mit dem Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich und dem Institut für Geschichte der Universität Graz organisiert wurde. Karin Termes hätte bereits als Jugendliche mit der Auseinandersetzung mit Lebensborn und der Suche nach ihren leiblichen Eltern begonnen, der Architekt Klaus Steiner beschäftige sich auch beruflich mit der NS-Geschichte, so Stelzl-Marx. Valentin Erben beschreibe die Umstände seiner Geburt als "Knödel in seiner Biografie", Helga S. sei als außereheliches Kind im Heim zur Welt gekommen und habe dort ihre ersten zwei Lebensjahre verbracht. Am Dienstag wird es auch erstmals eine private Veranstaltung für Lebensborn-Kinder geben, auf der sich diese kennenlernen und untereinander austauschen können. Um 18 Uhr folgen dann ein Vortrag von Schretter und die Diskussion unter Moderation von Sabine Nachbaur, die ebenfalls am Projekt beteiligt ist.

Nachbaur beschrieb im APA-Gespräch die Lebenssituation der Frauen, die ins Heim kamen: Etwa die Hälfte von ihnen sei verheiratet gewesen, häufig mit SS-Männern oder deutschen Polizisten. Unverheiratete Frauen hätten das Lebensborn-Heim meist gewählt, weil sie dort die Möglichkeit gehabt hätten, anonym zu entbinden und ihre Kinder auch unbemerkt im Heim großzuziehen. Dieses sei jedoch nicht "hermetisch abgeschlossen" gewesen, so Stelzl-Marx. Personen aus der Umgebung hätten dort gearbeitet, die Mütter wären zur Post gegangen.

Parallel zu den Geburten wären jedoch auch einzelne Kinder, die nicht den Vorstellungen der NS entsprachen, Opfer der NS-"Kindereuthanasie" geworden. Diese seien Nachbaur zufolge in die Wiener NS-Anstalt "Am Spiegelgrund" überwiesen und dort ermordet worden. Vier Verantwortliche für den Verein "Lebensborn" seien bei den Nürnberger Prozessen angeklagt, später aber freigesprochen worden, weil sie glaubhaft machen konnten, es sei eine humanitäre Einrichtung gewesen, so Stelzl-Marx. Dem widerspricht die Historikerin aber vehement: "Lebensborn war ein Instrument der NS-Rassenpolitik."

(S E R V I C E - Projekthomepage: http://go.apa.at/1eM5yvJ4; Diskussion in St. Pölten: http://go.apa.at/qBEYot8h)

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