Kultur

Kulturhauptstadt: Matera ist startbereit

Als "Italiens schöne Schande" galt Matera einst. Jetzt will es als Kulturhauptstadt neue Seiten zeigen.

Als „Italiens schöne Schande“ galt Matera einst. Jetzt will es als Kulturhauptstadt neue Seiten zeigen. SN/APA/AFP/FILIPPO MONTEFORTE
Als „Italiens schöne Schande“ galt Matera einst. Jetzt will es als Kulturhauptstadt neue Seiten zeigen.

Die Löcher im weißen Fels waren schwarz. Es muffte nach Schimmel. Es stank nach Müll. Gemessen an der jahrtausendealten Geschichte von Matera war es erst gestern, dass sich Italien für die Stadt in seinem armen Süden schämte. Doch was gestern Schande war, ist heute Stolz - und 2019 Europäische Kulturhauptstadt.

"Zuerst erschien uns das als etwas viel zu Großes für Matera", sagt Mario Daddiego. "Aber jetzt wird die Welt verstehen, dass Matera existiert. Die Stadt ist ein Rohdiamant." Der 46-Jährige steht in seinem Laden, der gleichzeitig Werkstatt ist. Er ist wie so viele andere Geschäfte, Restaurants und Unterkünfte in dem Ort in den Fels gehauen worden. Matera ist berühmt für seine "Sassi". Die antiken Höhlensiedlungen baut Daddiego für seine Weihnachtskrippen nach.

Die Felsen entlang der Schlucht inmitten zerklüfteter Landschaft sind durchzogen von Höhlen, die Menschen schon vor Tausenden Jahren bewohnten. In den Vierteln Sasso Caveoso und Sasso Barisano lebten bis in die 50er-Jahre Menschen unter hygienisch desaströsen Zuständen. 1952 erließ die Regierung in Rom ein Gesetz, das die Zwangsräumung der in Stein gehauenen Behausungen veranlasste. Matera galt als "vergogna nazionale", als nationale Schande. Rund 17.000 Menschen wurden umgesiedelt. Die Sassi drohten zu verfallen. Bis 1986 ihre Erhaltung und Sanierung angeordnet und sie 1993 UNESCO-Weltkulturerbe wurden.

Mittlerweile zieht die Stadt mit ihren unzähligen Gewölben immer mehr Besucher an, obwohl sie abseits der Touristenpfade liegt. Lag die Zahl 2010 noch bei 200.000, wurden 2017 480.000 Übernachtungen gezählt.

"Es gibt diejenigen, die sagen: Nach 2019 kommt niemand mehr. Und es gibt die, die sagen: Es kommen schon jetzt zu viele", sagt Paolo Verri, Leiter der Stiftung Matera 2019. "Ich glaube, die Wahrheit liegt in der Mitte. Wir sind nicht Venedig und hoffen auch nicht, es zu werden. Aber wir müssen auch ehrlich sein. Wenn der Tourismus keine Beschäftigung geschaffen hätte, wäre die Situation heute anders. Der Tourismus schafft neue Möglichkeiten. Und bringt frisches Geld."

Die kleinen Gassen sind malerisch. Sie ziehen sich die Hügel rauf und runter. Die Häuser sind mit dem Stein verschmolzen. Über ihren Dächern ragt auf einem wuchtigen Felsen ein Kreuz auf. Hollywood hat längst entdeckt, dass Matera eine perfekte Kulisse ist. Mel Gibson trug als Jesus in der "Passion Christi" das Kreuz durch die Straßen. Hier kann man sich verlieren.

Im Jahr der Kulturhauptstadt werden Öffnung und Austausch zwischen den "Materani" und den Besuchern großgeschrieben. Die Eintrittskarte ist gleichzeitig Ausweis, der die Touristen zu "temporären Bürgern" macht. Doch es gibt auch Zweifel, ob den Einwohnern wirklich so viel Bedeutung zukommt, wie die Initiatoren glauben machen. "Der Materano von heute ist nicht im Programm", sagt Nadia Della Chiara, die in ihrem Geschäft Handgemachtes aus der Region verkauft. Lange Zeit sei die Stadt verschlossen gewesen. Einen Event für Matera würde ein Außenstehender nicht verstehen - und umgekehrt. "Es werden zwei Welten bleiben", meint Della Chiara.

Am 19. Jänner startet Matera in sein Kulturhauptstadtjahr. In Projekten lokaler, nationaler und europäischer Teilnehmer soll es auch um Kontinuität und Bruch, Wurzeln und Wege gehen. Die Themen des Programms sind alle eng mit der DNA Materas verknüpft und können auf ganz Europa übertragen werden. Es geht um Abwanderung und Vernachlässigung ländlicher Regionen oder reale Beziehungen in einer digitaler werdenden Welt. Und natürlich auch um die Schande. "La Bella Vergogna" wirft die Frage auf, ob Schande schön sein kann. Nur ein kultureller Umsturz habe es möglich gemacht, dass Matera von der nationalen Schande zum Weltkulturerbe wurde, sagt der sizilianische Architekt Fabio Ciaravella, der künstlerischer Leiter des Projekts "Architecture of Shame" ist. Es fragt danach, an welchen Orten wir heutzutage mit absoluter Normalität leben, die uns eigentlich beschämen müssten. Oder welche Orte, für die wir uns heute schämen, morgen Weltkulturerbe sein könnten. Wie Matera.
Informationzum Programm:
www.matera-basilicata2019.it

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