Kultur

Kunst der Schleife: "Liebeslieder" am Wiener Staatsballett

"Nun, ihr Musen, genug!" heißt es nach 32 "Liebesliedern" und drei Ausflügen in die Ballettmoderne, wie sie kontrastreicher kaum sein könnten. Mit dem Goethe-Zitat, einem Brahms-Lied, mit Singenden, Tanzenden und Klavier zu vier Händen sind die Musen tatsächlich reichlich zugange. Und: "Liebeslieder", der neue Ballettabend der Wiener Staatsoper, bringt die titelgebende Preziose von Balanchine mit dem gefeierten, späten Debüt von Minimalismus-Ikone Lucinda Childs zusammen.

Erstmals zeigte das Wiener Staatsballett ein Werk von Lucinda Childs SN/APA/WIENER STAATSBALLETT/ASHLEY
Erstmals zeigte das Wiener Staatsballett ein Werk von Lucinda Childs

Die Premiere des jüngsten Ballett-Dreiteilers am Freitagabend spannt einen Bogen über die nur scheinbare Ungleichzeitigkeit der jüngeren Tanzgeschichte: Jerome Robbins, Lucinda Childs, George Balanchine, vielfach vernetzte Zeitgenossen in der fragmentierten Revolution des tanzenden Körpers. Von der schlichten Anmut, die Robbins in seinen "Other Dances" am einzelnen Tänzer, an der einzelnen Mazurka (Igor Zapravdin spielte Chopin) zu deklinieren wusste, über die konsequente rhythmische Zerlegung, die Childs nahezu rauschhaft ins Körperliche und Räumliche übersetzt, bis zur verträumten, manierierten Walzerseligkeit in Balanchines "Liebesliedern".

"Concerto", von Childs' Company im Jahr 1993 uraufgeführt, ist die erste Zusammenarbeit der Wiener Ballettcompagnie mit der heute 81-jährigen US-Choreografin, deren seit den 70er-Jahren maßgebliche Werke man hierzulande freilich schon bisher bei den dezidiert zeitgenössischen Tanzinstitutionen zu sehen bekam. Dem Ballett steht sie gut, diese fulminante, messerscharfe Kunst der ewigen Schleife, die die überlagerten Strukturen in Henryk Goreckis Konzert für Cembalo und Streicher schwindelerregend sichtbar macht, und das Ballett steht ihr. Childs, bei der Premiere selbst anwesend, durfte sich lautstark feiern lassen.

Zu Beginn des Abends waren es der Wiener Publikumsliebling Davide Dato und die versatile Hyo-Jung Kang - von Ballettchef Martin Schläpfer mit der aktuellen Saison als Erste Solistin nach Wien geholt -, die zur beredten Musik Chopins in Robbins' "Other Dances" Tanzkunst pur zu schenken hatten. Die abschließenden "Liebeslieder" brachten neben vier Tanzpaaren auch ein Gesangsquartett sowie Klavier zu vier Händen in einen einst von Rolf Langenfass liebevoll eingerichteten Ballsalon, der nach einer intensiven Laufzeit des Stücks zwischen 1977 und 1991 immerhin 30 Jahre lang eingemottet war.

Mit Johanna Wallroth, Stephanie Maitland, Hiroshi Amako und Ilja Kazakov gab es Erfreuliches zu hören von den jungen Stimmen des Opernstudios, mit Balanchine eine Liebeserklärung an des Wieners liebsten Faschingsbrauch. Im schummrigen Licht, in seidenen Roben, in bittersüßer Mehrstimmigkeit: Als kammeropernhaftes Gesamtkunstwerk sind die beiden auschoreografierten Brahms-Liedzyklen zugleich Ballnacht, Liederabend, Spitzentanz, Kostümschinken und Walzertraum, dazu viel, viel Wehmut - erst recht im Angesicht der heuer erneut der Pandemie geopferten Ballsaison. Doch wie Goethe schon von den Musen wusste: "Heilen könnet die Wunden ihr nicht, (...) aber Linderung kommt einzig, ihr Guten, von euch."

(S E R V I C E - "Liebeslieder" mit Werken von Jerome Robbins, Lucinda Childs und George Balanchine. Weitere Termine am 24., 28., 31. Jänner, 3., 21. und 26. Februar sowie 1. März. Livestream 72 Stunden verfügbar unter https://play.wiener-staatsoper.at/. www.wiener-staatsballett.at)

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