Kultur

Kunsthalle: Gelatin und Gillick werden "radikal" nach Skript

Die Kunsthalle ist kein Ausstellungsraum mehr. Sie enthält vielmehr eine Werkstatt, einen Kostümfundus und ein Filmset aus gewaltigen, schmutzigen Styroporbrocken, die in verschiedene Formationen geschoben werden. Irgendwo in der Mitte ist ein "Nachtclub", bestehend aus den Instrumenten einer Band, anderswo ein überdimensionales Sofa aus Teppichen. Anarchie, im Museumskontext um sich schlagend.

"Stinking Dawn" bis 6. Oktober in der Kunsthalle SN/APA (Archiv)/HERBERT NEUBAUER
"Stinking Dawn" bis 6. Oktober in der Kunsthalle

Florian Reither, einer der vier Künstler des international höchst erfolgreichen österreichischen Kollektivs Gelatin (auch: Gelitin), schaut sich zufrieden um und zeigt auf diverse Freunde und Kollegen, die mit Umbauarbeiten beschäftigt sind. "Wir kennen eine Menge Leute", sagt er im APA-Interview. Künstler von hier und von dort, manche ohne fixen Wohnsitz, "eine wunderbar inhomogene Gruppe", die aber alle einer "sensiblen Ästhetik" nicht-kommerzieller Kleidung und nicht-konformer Gebarung gehorchen. Manche sind verwandt oder verschwägert, in diesem Fall jedenfalls: verschworen für ein ungewöhnliches Projekt. Ungewöhnlich für ein Ausstellungshaus, nicht jedoch für die performance- und experimentaffine Truppe von Gelatin.

Und nicht für Liam Gillick, den New Yorker Konzeptkünstler, den Gelatin als "logische Kombination" mit der eigenen Arbeit wahrnimmt. Schon lange wollte man zusammenarbeiten. Mit dem Kunsthallen-Projekt, wo man nun unter dem Titel "Stinking Dawn" gemeinsam im Ausstellungsformat einen Film über Wut, Untergrund und Radikalisierung dreht, hat es endlich geklappt. "Wir sind alle sozialisiert in der Post-Punk-Zeit. In der No-Future-Generation, die zwischen Machtglobalisierung und wirtschaftswissenschaftlichen Annahmen über den Menschen auf alle Hierarchien, Strukturen und Codes scheißt", sagt Reither. "Sie interessieren uns einfach nicht."

Grundlage für den Film, der mit vielen befreundeten Statisten und wahrscheinlich mit dem einen oder anderen willigen Ausstellungsbesucher gedreht wird, sind zwei literarische Werke: "Vivre et penser comme des porcs" (Leben und Denken wie die Schweine) des französischen Philosophen und Mathematikers Gilles Chatelet und die Lebensgeschichte des Verlegers und Kommunisten Giangiacomo Feltrinelli. "Es geht im Film um vier Menschen, die irgendwann vor dem Problem der direkten Aktion stehen", so Reither. "Gewaltanwendung gegen andere oder Gewaltanwendung gegen sich selbst."

Warum es nur diese beiden Wege gebe? "Weil man den Punkt erreicht hat, wo man mit den Mechanismen des gesellschaftlichen Umfelds nicht mehr kollaborieren kann", so Reither. "Du wirst also radikal. Du beginnst, dich zu wehren." Feltrinelli kam unter ungeklärten Umständen um, als er sich bei einem versuchten Attentat beteiligte, Chatelet beging Selbstmord. Mit dem Tod in der einen oder anderen Form wird auch "Stinking Dawn" enden. Ein bisschen etwas hat man schon gedreht, noch vor der offiziellen Eröffnung gestern, Donnerstag, Abend. "Schaut super aus", sagt Reither über das erste Footage. "Wir haben noch nie einen Film gedreht, wir können das ja gar nicht."

An das Skript hält man sich - wahrscheinlich. "Man hat ein Drehbuch und von dort improvisiert man sich weg", meint Reither auf die Frage der Vorbereitung. Ausstellungsbesucher werden je nach Lust und Laune integriert. "Du weißt ja nicht, wer da kommt. Vielleicht kommt einer, der kann gut singen, dann erfindet man für den halt eine kurze Szene." Regie führt Gillick, die vier Gelatin-Künstler spielen die Hauptrollen. Die Ausstellung wird nach und nach um fertige Szenen ergänzt, nach der Postproduktion wird der Film im Herbst uraufgeführt. Der Filmset wird dann ein Stück tatsächlich zum Museum. An den Drehtagen und an Sonntagen wird der Eintritt nach dem Prinzip "Pay as you wish" verrechnet.

Quelle: APA

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