Kultur

La Strada: Hommage an Fußballer Matthias Sindelar

Eines ungewöhnlichen Themas angenommen hat sich der Brite Lee Simpson für "The Paper Man", die aktuelle Bühnenproduktion der Theatergruppe "Improbable". Seine Version der Lebensgeschichte von Wunderteam-Kicker Matthias Sindelar (1903-1939) erwies sich bei der La-Strada-Premiere am Mittwoch im Grazer Orpheum als seltsames Hybrid aus Tanzperformance, Erzähltheater und Selbsterfahrungstrip.

Der im mährischen Koslau (heute Kozlov) geborene "Papierene" ist der vielleicht der legendärste österreichische Fußballer aller Zeiten. Er wuchs in Wien-Favoriten in einfachsten Verhältnissen auf. Das fußballerischen Ausnahmetalent wurde bald zum Liebling der Fans. Höhepunkt seiner Karriere war die Rolle des Mittelstürmers im österreichischen "Wunderteam". Zum mutmaßlichen Verhängnis wurde ihm seine anti-nationalsozialistische Haltung und der vorentscheidende erste Treffer beim "Anschluss"-Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und dem zur Ostmark gemachten Österreich. 1939 kamen Sindelar und seine jüdische Lebensgefährtin unter bis heute nicht geklärten Umständen ums Leben.

Diese Geschichte bildet die Basis für die Produktion. Als Bühnenpartner wählte Simpson fünf junge Künstlerinnen. Was das Publikum an diesem tropisch-heißen Sommerabend eineinhalb Stunden lang in Graz zu sehen bekam, war eine Art polymorphe Revue. Simpson bedient sich dabei zahlreicher, nicht immer nahtlos zusammenpassender Ausdrucksformen wie Slapstick, Sitcom, Schattenspiel, Klang- und Lichtinstallation und Impro-Theater.

Der gelernte Schauspieler und Komiker verknüpft im den erzählerischen Sequenzen die Biografie Sindelars mit seiner eigenen als hoffnungsloser Fußballnarr, sowie den Lebensgeschichten seiner Mitstreiterinnen. Quasi im Huckepack-Verfahren offeriert Simpson einen thematischen Bauchladen mit Versatzstücken aus Feminismus, Gesellschaftskritik, Unterdrückung von Bürgerrechten oder Klimawandel.

Dabei schlittert die Performance immer wieder gefährlich nahe an der Langeweile-Demarkationslinie entlang. Offenbar war das Simpson bewusst, denn er lässt sich auf der Bühne für seine ausschweifenden Exkurse immer wieder aus dem Publikum ebenso wie von seinen Partnerinnen die "Rote Karte" geben. Am Ende geht sich das Ganze dank einzelner und rechtzeitig eingestreuter komödiantischer Glanzlichter doch noch irgendwie aus.

Die Agierenden bedienen sich in der Performance ausschließlich der englischen Sprache. Diese wird zwar deutlich vorgebracht, ist aber in der Wortwahl eher von der anspruchsvolleren Sorte. Das Publikum konnte zwar einigermaßen mithalten, gelegentlich war in den Reaktionen aber ein Hauch von Unsicherheit zu bemerken.

Das wohlgesinnte Grazer Publikum sah auch darüber hinweg und dankte Simpson und seinen fünf Bühnenpartnerinnen das mit ganz offensichtlich mit viel Einsatz und Aufwand Gebotene mit einem soliden und durchaus ehrlich wirkenden Schlussapplaus. Nach der zweiten Grazer Vorstellung am heutigen 2. August geht das Stück auf England-Tournee. Neben Simpson agieren Vera Chok, Jess Mabel Jones, Anna-Maria Nabirye und Adrienne Quarterly. Das Bühnenbild stammt von Sophia Clist, die Choreographie von Grace Willis.

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Aufgerufen am 30.11.2021 um 07:49 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/la-strada-hommage-an-fussballer-matthias-sindelar-37219516

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