Kultur

Landestheater Niederösterreich zeigt Hochgatterer-Erzählung

Mit einer Uraufführung wartet die Theaterwerkstatt des Landestheaters Niederösterreich in der nächsten Woche auf. Der junge Regisseur Moritz Beichl bringt Paulus Hochgatterers intime Kriegserzählung "Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war" erstmals auf die Bühne. Es geht um dramatische Ereignisse auf einem Mostviertler Bauernhof in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.

Ein Beitrag zur Erinnerungskultur in St. Pölten SN/APA/ROLAND SCHLAGER
Ein Beitrag zur Erinnerungskultur in St. Pölten

Der Inhalt: Die Bauernfamilie Leithner mit ihren fünf Töchtern gewährt Flüchtlingen Unterschlupf, etwa der 13-jährigen Nelli, die bei einem Bombenangriff ihre Erinnerung verloren hat, und einem weißrussischen Kriegsgefangenen. Als sich drei Wehrmachtssoldaten einquartieren, eskaliert die Lage gefährlich. So kurz vor Kriegsende geht es um Leben und Tod.

"Angesichts der (globalen) politischen Situation drängt sich immer wieder die Frage auf, wie eine Erinnerungskultur stattfinden kann. Aufgrund der Leerstellen und nicht zuletzt der Komplexität des Romans stellt sich keine Betroffenheit ein, sondern ein Reflektieren über den Ausnahmezustand des Zweiten Weltkriegs", meint Regisseur Beichl zur APA. "Und das für mich Beeindruckendste: Für mich geht es in dem Werk mehr um Zärtlichkeit als um Gewalt. Hochgatterer stellt geschickt der allumfassenden Gefahr und Gewalt jener Ausnahmesituation die Suche nach Zärtlichkeit, Liebe, Gemeinschaft gegenüber."

Moritz Beichl wurde 1992 in Wien geboren, war Absolvent des TheaterJahres der Jungen Burg am Burgtheater, hat Schauspielregie in Hamburg studiert und ist auch als Autor tätig. Wie ist in seiner Familie mit "Kriegserzählungen" umgegangen worden? "Als ich klein war, hatte ich nicht mehr viele Verwandte, die vom Krieg hätten erzählen können. Mit meiner Oma sprach ich nie darüber. Mein Großvater, der mittlerweile tot ist, aber in seinem Leben in etwa alles überlebt hat, was ein Mensch überleben kann, war im Krieg Pilot und davor selbst Geflüchteter. Er kam als Frühchen auf die Welt und seine Mutter legte ihn zum Warmhalten in den Backofen. Das hat ihn abgehärtet."

Nach dem Krieg gefragt, habe der Großvater vor allem über seine Gratis-Theaterbesuche als Soldat erzählt. "Von den Traumata erzählte mein Opa nicht. Erst vor ein paar Jahren erzählte mir meine Mutter, dass er im Krieg seinen Bruder verlor, an dem er sehr hing. Mein Opa erzählte mir so etwas nicht. Er erzählte lieber Witze. Meistens denselben. Und wenn vom Krieg, dann eher humorvoll und anekdotisch. Ich denke, das war sein Umgang mit dem Schmerz."

Daher rühre auch seine Intention, den Hochgatterer-Text auf die Bühne zu bringen: "Wie Hochgatterer sagt: Die betroffene Generation, die uns vom Krieg erzählen könnte, stirbt aus. Die Kinder dieser Generation haben eine Verantwortung, diese Geschichten weiterzuerzählen. Nun sind mein Team und ich die Kinder der Kinder dieser Generation. Wir stehen in einem Dilemma: Wir haben eine Verantwortung, eine Erinnerungskultur zu schaffen, gleichzeitig sind für uns all diese Situationen einfach unvorstellbar und unendlich fern. Eigentlich können wir daran nur scheitern. Aber tun müssen wir es trotzdem."

Und wie ist der junge Regisseur, der in St. Pölten zuletzt Franz Kafkas "Die Verwandlung" auf die Bühne gebracht und auch schon in Hamburg, Göttingen, Bremerhaven und Braunschweig gearbeitet hat, konkret an die Dramatisierung der 2017 erschienenen Erzählung herangegangen? Der Großteil des Buches seien Tagebucheinträge der Protagonistin, so Beichl: "Die geflüchtete Nelli dokumentiert ihr Leben auf dem Bauernhof der Familie Leithner. Realität und Fiktion verschwimmen, oft erfindet sich Nelli die Welt, wie sie sie haben möchte. Unsere Grundsituation für die Übersetzung auf die Bühne ist eine ganz simple: Nelli möchte ihre Geschichte erneut erzählen. Es ist viel Zeit verstrichen seit den letzten Kriegstagen. Um diese Geschichte noch einmal durchleben zu können, benötigt sie die Hilfe ihrer 'Schwestern'. Gemeinsam mit ihnen erlebt sie erneut die Reflexion, das Trauma, die Suche, die Zärtlichkeit."

Quelle: APA

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