Kultur

Marthalers "Tiefer Schweb" begeisterte bei Wiener Festwochen

Da hatte das geplagte Festwochen-Publikum endlich Grund zum vorbehaltlosen Jubel: Nach einigen als zu sperrig, zu verrätselt, zu wenig kulinarisch empfundenen Gastspielen gab es am Montagabend im Theater an der Wien ein Wiedersehen mit Christoph Marthaler. Seine zu Recht viel gelobte Münchner Produktion "Tiefer Schweb" verbindet im Unterwasser-Labor Untergangs-Ängste mit Unterhaltungs-Anspruch.

"Ein Auffangbecken" nennt der Schweizer im Untertitel seinen zweistündigen Abend, der vor einem Jahr an den Kammerspielen Premiere hatte. Tatsächlich packt er sehr viel von dem, was uns Mitteleuropäern derzeit Angst macht, in die "Klausur-Druckkammer 55b", die sich angeblich an der tiefsten Stelle des Bodensees (daher der Stücktitel), 243 Meter unter der Oberfläche befindet und von Bühnenbildner Duri Bischoff als große, gänzlich holzvertäfelte Gaststube mit Kachelofen interpretiert wird.

Der Kachelofen entpuppt sich bald als an einen U-Boot-Turm erinnernder Taucher-Ausstieg, wird aber auch tatsächlich als Brennkammer benutzt. Vieles ist doppelbödig und überraschend an "Tiefer Schweb". Das ist auch sein Reiz.

Grund dieser submarinen Klausur von acht Experten (darunter die famosen Charakterdarstellerinnen Annette Paulmann und Olivia Grigolli und die wunderbaren Marthaler-Gefährten der ersten Stunde Ueli Jäggi und Jürg Kienberger) ist die Flüchtlingskrise. Man erfährt: In der Mitte des Binnenmeeres habe man auf neun ausrangierten Bodensee-Schiffen eine exterritoriale, aber bereits heillos überfüllte schwimmende Dorflandschaft geschaffen, auf der Flüchtlinge auf ihren Asylbescheid warten sollen, ohne mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Das könne ja wohl keine Dauerlösung sein.

Zudem ein hinzugezogener Bakteriologe vor einer drohenden Naturkatastrophe warnt: Das Seewasser ist von antibiotikaresistenten Bakterien durchsetzt, bald wird ein striktes Badeverbot verhängt werden müssen.

Was man zu dieser Ausgangslage an Improvisationen, Kurzszenen, Episoden, Gesangs- und Musikeinlagen geboten bekommt, ist zwar nicht immer tief schürfend, aber meist hoch skurril. Bürokratie-Rituale und Verfahrensfragen werden ebenso ad absurdum geführt wie menschliche Schwächen. Marthaler scheut sich nicht, hemmungslos in der abendländischen Kulturgeschichte zu wildern.

Die Prüfungen, die Tamino in Mozarts "Zauberflöte" zu lösen hat, werden hier zu Hürden im Einbayerungs-Verfahren umgedeutet, bei der die Inhaltsstoffe der Weißwurst abgefragt werden und Volkstänze vorgezeigt werden müssen. Auch ein Wiedersehen mit Herbert Achternbuschs 1987 in Wien uraufgeführtem Stück "An der Donau" gibt es.

Natürlich gibt es auch diesmal jede Menge A-Capella-Gesang, dazu eine Harmonika-Einlage und ein Wett-Orgeln, an dem neben Johann Sebastian Bach auch Simon & Garfunkel und Procul Harum teilnehmen. Die szenischen Einfälle sind ebenso bunt zusammengewürfelt, manchmal etwas platt wie das rasche Einrichten einer Tischlerwerkstatt zum Zunageln aller Eingänge und Verlegen von Stacheldrahtzäunen, manchmal überrumpelnd frech wie das Verwenden von Pissoir-Muscheln als Sprachrohre und Musikinstrumente oder das, was auf die an sich harmlose Ansage "Wir alle müssen Abstriche machen" folgt.

Marthalers "Verwaltungsrevue" in der Druckkammer setzt niemanden unter Druck. Nicht nur auf der Bühne wird immer wieder rechtzeitig am Rad für den Druckausgleich gedreht, ehe etwas platzen könnte. Inhaltlich geht es nämlich ganz ohne innere Verletzungen ab. "Fein sein, beinander bleibn" lautet die - natürlich hinterfotzige, aber mehrheitsfähige - Botschaft. Und auch theater-ästhetisch ist Marthalers Unterwasserwelt wohl kein Blick in die Zukunft, sondern eher eine Erinnerung an das, was vor zwanzig, dreißig Jahren den Theaterbetrieb aufmischte. Was uns künftig auf den Bühnen erwartet, wird wohl weit weniger spaßig. Schade, eigentlich. Aber notwendig.

Quelle: APA

Aufgerufen am 17.08.2018 um 01:34 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/marthalers-tiefer-schweb-begeisterte-bei-wiener-festwochen-28814779

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