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Musikalische Geschichtsstunde der Philharmoniker in Mexiko

Das Gedenkjahr 2018 wird nicht nur in Österreich begangen - sondern auch im fernen Mexiko, zumindest wenn Österreicher anwesend sind. Eine federführende Rolle nehmen dabei die Wiener Philharmoniker ein, die am Freitagabend zum Gedenkkonzert in den ikonografischen Palacio de Bellas Artes in Mexiko-Stadt luden. Das Konzert ist Teil einer geschichtsreflektierenden Amerikatournee des Orchesters.

Gustavo Dudamel dirigierte in Mexiko-Stadt SN/APA (Archiv)/HERBERT NEUBAUER
Gustavo Dudamel dirigierte in Mexiko-Stadt

Der Anlass für den musikalischen Dank an Mexiko war die Überreichung der offiziellen Protestnote des Landes beim Völkerbund gegen den "Anschluss" Österreichs an Nazideutschland am 19. März 1938. Bekanntermaßen blieb Mexiko mit diesem Schritt alleine, wofür sich die Republik später nicht nur mit der Umbenennung des Mexiko-Platzes in Wien revanchierte, sondern nun auch mit einer Reihe an Erinnerungsveranstaltungen.

Im 1.900 Zuschauer fassenden Historismuspalast Bellas Artes entboten am Freitag dann auch die Wiener Philharmoniker ihren musikalischen Gruß unter Leitung von Gustavo Dudamel, dem venezolanischen Vorzeigedirigenten. Als sympathischen Zugang biederte man sich dabei für das Gedenkkonzert nicht mit potenziellen Klischeestücken des "typisch Österreichischen" oder mit Latinoklängen an, sondern setzte mit der 2. Symphonie von Charles Ives und der 4. von Peter Tschaikowsky auf ein sehr eigenständiges Programm.

Der große Primitive Ives hatte seine 2. Symphonie zwar um 1900 vollendet, bis zur Uraufführung durch Leonard Bernstein und die New Yorker Philharmoniker sollte es allerdings beinahe ein halbes Jahrhundert dauern. Um die Jahrhundertwende war die Zeit noch nicht reif für die Verbindung der großen deutschen Musiktradition mit amerikanischen Folktunes und Märschen, für das Amalgam aus Beethoven, Wagner und Ragtime. "Das ist wie Deutsch mit amerikanischem Akzent sprechen", hatte Bernstein das Werk einst umschrieben - was die Philharmoniker am Freitag nur dezent ausspielten, nahmen sie Ives doch überraschend schnell und die versteckten Zitate bewusst leichtfüßig.

Die prototypische Ergänzung zu Ives stellt dann Tschaikowskys persönliche Schicksalssymphonie Nr. 4 dar, die die wuchtigen Ausschläge des Fatum ebenfalls mit volksmusikalischen - hier selbstredend russischen - Klängen verbindet. Hier griffen die Philharmoniker auch in punkto Dynamik in die Vollen. Für beide Werke gab es am Ende im ausverkauften Konzertsaal tosenden Applaus, der bereits mit dem letzten Ton losbrandete und in Stehenden Ovationen mündete.

Entsprechend belassen es die Wiener nicht bei dem einmaligen Auftritt. Bereits am Samstag folgt ein zweites Konzert im Palacio de Bellas Artes mit Werken von Brahms und Mozart, bevor man am Sonntag für Mahler und Berlioz ins modernistische Auditorio Nacional wechselt. Somit würdigt man ausgiebig die besonderen Beziehungen Mexikos und Österreichs, die bekanntermaßen über den Völkerbundprotest hinausreichen, der einerseits aus dem antifaschistischen Bemühen des damaligen Präsidenten Lazaro Cardenas herrührte, andererseits aber auch Wurzeln in einer anderen Verbindung der beiden Staaten hatte: Der nur dreijährigen Regentschaft des Habsburger-Kaisers Maximilians I. bis zu dessen Hinrichtung 1867. Diese stellte letztlich so etwas wie die finale Befreiung der mexikanischen Nation von Fremdherrschaft dar, was zur Staatsdoktrin führte, generell gegen die Einmischung fremder Staaten in anderen Ländern aufzutreten.

Einen breiteren Blick über den reinen Konzertreigen hinaus warfen auch die Philharmoniker. So hielten am Freitag die beiden Historiker Silvia Kargl und Friedemann Pestel vom Historischen Archiv des Orchesters einen Vortrag im Rahmen der Reihe "Geschichtskreuzungen: Mexiko-Österreich", die das Österreichischen Kulturforum in Mexiko-Stadt heuer organisiert. Der Fokus lag hierbei auf dem Gedenken an 1938 und den damaligen Folgen für die Wiener Philharmoniker.

Und nicht nur für den Zwischenhalt Mexiko haben die Philharmoniker bei der laufenden Amerikatournee gleichsam ihr Historisches Archiv im Reisegepäck. So stand beim Auftakt in New York Leonard Bernstein im Fokus, der heuer 100. Geburtstag gefeiert hätte. Dabei ging es nicht zuletzt um die für Oktober geplante Ausstellung "Bernstein. A New Yorker in Vienna" im Jüdischen Museum und Haus der Musik.

Eine echte Premiere erfolgt dann am Donnerstag: Nach einem Zwischenstopp in Kolumbien spielen die Philharmoniker erstmals überhaupt in ihrer Geschichte in Chile. Kommende Woche schließlich will man am Samstag (10. März) auf dem Deutschen Friedhof in Buenos Aires dem dort 1923 beigesetzten Philharmoniker Franz Behrends mit einer Plakette gedenken. Der Klarinettist war damals auf der Südamerikatournee an einer Infektionskrankheit verstorben.

Und das Mexiko-Gedenken setzt man Ende des Monats in Wien fort, wenn am 21. März das Streichquartett der Wiener Philharmoniker im Brahms-Saal des Musikvereins ein Konzert unter dem Motto "Mexiko und Österreich, im Gedenken an das 20. Jhdt" gibt. Dabei stehen Werke von Hanns Eisler, Ruth Schönthal, Silvestre Revueltas und Marcel Rubin am Programm.

SERVICE: www.wienerphilharmoniker.at

Quelle: APA

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