Kultur

Musiker überspielen Grenzen

Ein Festival in Marokko überwindet Hindernisse von Chaos, Terror und Reformnöten in Nordafrika. Die Tagung "Europa neu denken" hilft dabei, die europäische Nachbarschaftspolitik aus dem Blickwinkel von Kunst und Kultur zu betrachten.

Das Festival "Visa For Music" findet seit 2013 in Rabat statt, im Bild ein Konzert von 2017. SN/radoslaw kazmierczak
Das Festival "Visa For Music" findet seit 2013 in Rabat statt, im Bild ein Konzert von 2017.

Dass das Festival "Visa for Music" übermorgen, Mittwoch, in Rabat beginnen kann, ist erstaunlich. Dessen Leiter Brahim El Mazned lockt für diese viertägige Veranstaltung 52 Bands und Solisten aus Nordafrika und dem Nahen Osten in die marokkanische Hauptstadt. Im Publikum werden an die tausend Profis der Musikindustrie sein. Bedenkt man die Bedingungen für so ein grenzüberschreitendes Festival, muss man sich wundern: Erstmals seit Langem seien die Routen zwischen Nord- und Westafrika sowie zwischen nördlichen und südlichen Regionen durchschnitten, erläutert Brahim El Mazned.

Durchschnitten heißt: wegen Gewalt, Krieg, Chaos und Terror unpassierbar. Auch wer Geld genug hat, um ein Flugzeug zu besteigen, den behindert eine restriktive Visa- und Einreisepolitik sogar zwischen Nachbarländern. Doch Brahim El Mazned lässt sich nicht abschrecken: "Afrika ist eine Quelle der Musik", sagte er am Samstag in Tunis bei der Konferenz "Europa neu denken". Er beharrt darauf, jene "Musik von heute" zu verbreiten, die nach den Turbulenzen des "arabischen Frühlings" entstanden ist.

Dass die nunmehr siebte, einst von dem Salzburger Universitätsprofessor Michael Fischer initiierte Tagung "Europa neu denken" - nach Triest, Piran, Syrakus oder Marseille - heuer in Tunis stattfindet, hat mit dem Veranstalter zu tun: EU-Kommissar Johannes Hahn ist neben Erweiterung auch für Nachbarn zuständig, also auch für Nordafrika. Michael Fischers Intention folgend wurde in zweieinhalb Tagen die europäische Nachbarschaftspolitik aus dem Blickwinkel von Kunst und Kultur betrachtet. So sei gegenseitiges Verständnis aufzubauen, sagte Johannes Hahn in Tunis.

Welch faszinierende Initiatoren da zur Sprache kamen! Youssouf Amine Elalamy, Schriftsteller und Universitätsprofessor in Kenitra in Marokko, berichtete von vielen Autoren, die die neue Meinungsfreiheit vielfältig ausschöpften. Doch noch immer herrsche eine "Diktatur der Verlage". Es fehlten Verleger, die anderes als Klischees von Arabien, Afrika und Frauen publizierten und mittels Übersetzungen Brücken zu Europa bauten. Die Unternehmerin Leila Ben-Gacem gründet über ihre Firma "Blue Fish" Kooperativen für Design, Handwerk und Erhaltung von kulturellem Erbe. Ein Vorzeigeprojekt ist das kleine Hotel "Dar Ben Gacem": Dafür hat sie ein historisches Haus in der Medina von Tunis mit Künstlern, Handwerkern und Jugendlichen restauriert. Viele Jugendliche in Tunesien seien passiv, ohne Sinn und Initiative, beklagte Leila Ben-Gacem beim Michael-Fischer-Symposium. Vor allem deshalb engagiere sie sich gegen "kulturelle Verarmung" und beteilige Jugendliche aktiv.

Murad Mathari veranstaltet seit 25 Jahren Festivals und Konzerte, etwa die Jazzfestivals in Karthago und Tabarka. Künstler aus dem Ausland in Tunesien zu engagieren sei seit der Revolution 2011 nicht leichter geworden, berichtet Mathari. Im Vorhinein sei eine Steuer zu zahlen, und jedes Engagement müsse dreifach autorisiert werden - vom Kulturministerium, vom Innenministerium und von der Zentralbank, da ja Ein- und Ausfuhr der Landeswährung prinzipiell untersagt sind.

In Tunesien gebe es mehr Beamte denn je, bestätigte der in Barcelona stationierte Politikwissenschafter Francis Ghilès, der 18 Jahre für die "Financial Times" aus Nordafrika berichtet hat. Es habe den Anschein, als ob dieses Land jedes Unternehmertum blockieren wolle. Einige Tunesier beim Symposium bestätigten: Zwar habe sich die politische Landschaft seit der Revolution hin zu Meinungsfreiheit und Demokratie verändert, doch viele Gesetze seien unverändert. Es fehle noch immer ein Verfassungsgerichtshof. Noch immer seien Korruption und Kartelle verbreitet. Und islamische Fundamentalisten oder Investoren aus Saudi-Arabien versuchten, Parteien und Bevölkerung zu radikalisieren.

Trotz allem beteuert Houssem Aoudi, der seit 2013 über seine Agentur "Cogite" künstlerische, soziale und unternehmerische Initiativen unterstützt und von der EU gefördert wird: Zwar wollten viele Tunesier Richtung Europa emigrieren, doch "wir wollen ein demokratisches Land aufbauen".

Andererseits stellte Francis Ghilès auch fest: "Wir im Norden", also die Europäer, würden immer achtloser gegenüber Nordafrikanern wie den Tunesiern, wir unterschätzten deren Bildung, Intelligenz und das überaus starke Engagement vieler Frauen und stülpten stattdessen über alle und alles das Vorurteil "Islam".

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