Kultur

Nach dem Rechten sehen: Juli Zehs Roman "Über Menschen"

Der neue Roman von Juli Zeh erinnert lange an ihren bisher bekanntesten. Nach über 100 Seiten stößt man auf den Kommentar einer Figur: "In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über Menschen erheben." Unweigerlich schmunzelt man. "Unterleuten" hieß 2016 der erfolgreiche Vorgänger, "Über Menschen" heißt das neue Buch. Bracken ist ein unscheinbarer Flecken in Brandenburg, rund eine Stunde von Berlin entfernt und doch wie auf einem anderen Planeten.

Juli Zeh hat einen neuen Roman geschrieben SN/APA (dpa-Zentralbild)/Soeren Sta
Juli Zeh hat einen neuen Roman geschrieben

Bracken ist erfunden. Gut erfunden. "Ein typisches ostdeutsches Straßendorf. In der Mitte eine Kirche mit Dorfplatz. Bushaltestelle, Feuerwehr, Briefkasten. 284 Einwohner. Mit Dora 285." Dora hat einen gut bezahlten Job als Senior-Texterin in einer Werbeagentur und einen Freund, der als Journalist und Aktivist nach der Klimawende den Kampf gegen das Coronavirus zu seiner Mission gemacht hat. Seine zunehmende Verbissenheit lässt Dora immer weniger Platz zum Hinterfragen, zum Atmen, zum Entspannen, zum Leben. Heimlich bereitet sie ihr Rückzugsgebiet vor und kauft ein altes Gutsverwalterhaus mit 4.000 Quadratmeter Grund im ländlichen Nirgendwo, in Bracken, einem Ort, der nach einer Tätigkeit klingt, "die auf Baustellen ausgeübt wird, unter starker Lärmentwicklung, mit schwerem Gerät. Morgen wird gebrackt."

Das kann die in Bonn geborene und selbst mit ihrer Familie in einem brandenburgischen Dorf lebende, 2019 sogar zur ehrenamtlichen Verfassungsrichterin für Brandenburg gewählte Autorin: Klar und schnörkellos erzählen, so dass ein richtiger Lesefluss entsteht, aber doch immer wieder Stellen einbauen, wo es kurz mal abhebt oder abbremst und in Erinnerung ruft: Sie befinden sich hier trotz allem nicht im Leben, sondern in Literatur!

Im falschen Film gelandet glaubt sich dagegen Dora, als sie eines Tages mit dem Miet-Kombi aus Berlin abhaut und in Bracken einzieht. Der vierschrötige Nachbar wirft ihre kleine, neugierige Hündin, die sie "Jochen-der-Rochen" nennt, umstandslos über die Gartenmauer und erklärt: "Wenn dein Köter noch einmal meine Saatkartoffeln ausgräbt, trete ich ihn platt." Gote heißt der Typ, von Gottfried, und ist offenbar das, wonach er aussieht: "'Angenehm', sagt Gote. 'Ich bin hier der Dorf-Nazi.'" Das wird sich als nicht zu viel versprochen herausstellen - inklusive in Nachbars Garten mit Gesinnungsfreunden gesungenem Horst-Wessel-Lied.

Noch immer wirkt "Über Menschen" wie eine Variation von "Unterleuten", und man erinnert sich daran, was die 46-Jährige vor einem Jahr gemeint hatte: "Ich bin mit der Provinz noch nicht fertig." Landflucht trifft auf die neue Raus-aus-der-Stadt-Bewegung in Corona-Krisenzeiten. Die ländliche Infrastruktur ist bereits fast gänzlich zugrundegegangen, doch immerhin ist Homeoffice auch abseits der Metropole möglich. Einkaufen ohne Auto allerdings nicht. Dazu braucht es Nachbarschaftshilfe. "Die in Berlin" sind hier nicht gut angeschrieben. Die aus Berlin wird dennoch mit freundlicher Skepsis empfangen. Obwohl klar ist: Politisch ist die AfD im Vormarsch. Vieles hat man schon so ähnlich bei Zeh gelesen, sogar einer der Kampfläufer, eine seltene Vogelart, die in "Unterleuten" im Kampf gegen Windkraftanlagen keine geringe Rolle spielte, hat seinen Auftritt.

Zwei Dinge verändern alles. Dora wird gekündigt, verliert den Boden unter den Füßen. Und Nachbar Gote hat einen Autounfall, der zwar nach Trunkenheit am Steuer aussieht, aber offenbar auf einen Komplett-Aussetzer in nüchternem Zustand zurückzuführen ist. Dora ist Tochter eines angesehenen Gehirn-Chirurgen und versteht es, die Lage richtig zu deuten. Der nächtliche Anruf, mit dem sie erstmals seit langem ihrem Vater ihr Herz ausschüttet und ihn zu Hilfe ruft, ist eine brillant geschriebene Szene. Und auch der kleine, sarkastische Seitenhieb des Vaters, mit dem dieser später seine zweite ärztliche Visite in Bracken ankündigt, ist gelungen: Er komme vorbei, "um nach dem Rechten zu sehen".

Und so nimmt "Über Menschen" schließlich noch eine ganz andere Richtung, wird zu einem großen, humanistischen Plädoyer, mit dem die in allen Belangen so kämpferische und selbstbewusste Autorin kein geringes Risiko eingeht: Dass sich Antifaschisten um Neonazis kümmern, sie als Mitmensch und nicht als Gegner wahrnehmen, wird nicht überall gut ankommen. Und auch Dora zerreißt es dabei fast. Denn Sympathieträger ist Gote keiner. "Dora mochte ihn nicht. Sie hatte Angst vor ihm. Sie haben maximal nicht zusammengepasst. Auf Tinder wären sie einander niemals begegnet. Dafür hätte der Algorithmus gesorgt."

Das wird, man muss es zugeben, immer wieder ein wenig klischeehaft und pathetisch. "Über Menschen" ist deutlich versöhnlicher, menschenfreundlicher als "Unterleuten". Dass aus "Über Menschen" kein reines Gutmensch-Märchen wird, dafür sorgen Zehs Nüchternheit und Humor, die immer wieder durchschlagen. Mit Feuereifer lässt sie etwa Dora eine Werbekampagne für ein nachhaltig produzierendes Berliner Mode-Label namens "FAIRkleidung" entwickeln, für dessen neue Jeansmarke sie den Namen "Gutmensch" und zahlreiche witzige Werbespots vorschlägt, in denen die Jeans-Träger im Alltag scheitern, aber wenigstens die richtigen Hosen anhaben. Die Kunden finden das toll. Und canceln die Kampagne.

(S E R V I C E - Juli Zeh: "Über Menschen", Luchterhand Literaturverlag, 416 Seiten, 22,70 Euro)

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Aufgerufen am 20.10.2021 um 08:19 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/nach-dem-rechten-sehen-juli-zehs-roman-ueber-menschen-101411755

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