Kultur

Nachschärfung statt Neuerfindung in der Wiener Secession

Eine neue Homepage, eine Podcast-Reihe mit Mitgliedern, bei der die Geschichte der Künstlervereinigung reflektiert wird, verstärkte Suche nach Kooperationspartnern für Ausstellungen, mehr Digitalisierung - das sind nur einige der Vorhaben des neuen Vorstands der Wiener Secession. Die ersten 100 Tagen im Amt seien intensiv gewesen, sagt die neue Präsidentin Ramesch Daha, "ich lebe schon fast in der Secession". Die Neuerungen werden teilweise aber erst 2023 schlagend.

Der neue Secession-Vorstand mit Präsidentin Ramesch Daha (5.v.r.), Barbara Kapusta (4.v.l.) und Nick Oberthaler (l.) SN/APA / Secession/NATASCHA UNKART
Der neue Secession-Vorstand mit Präsidentin Ramesch Daha (5.v.r.), Barbara Kapusta (4.v.l.) und Nick Oberthaler (l.)

Kollektive sind der große Trend in der internationalen Kunstszene. Für den britischen Turner-Preis waren zuletzt nur Künstlergruppen nominiert, die meisten davon in enger Vernetzung mit politischen und gesellschaftlichen Aktivisten. Die kommende documenta wird vom indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa geleitet. "Für uns ist das nichts Neues. Die Secession ist seit ihrem ersten Tag ein Kollektiv", sagt Daha. "Wir machen das, was schon Gustav Klimt gemacht hat." Klimt wurde 1897 der erste Präsident der Vereinigung bildender Künstlerinnen und Künstler, die sich von dem als zu konservativ empfundenen Künstlerhaus abspaltete. Kolo Moser, Josef Hoffmann und Joseph Maria Olbrich, der Architekt des ein Jahr später eröffneten Gebäudes mit der berühmten Fassaden-Aufschrift "Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit", zählten zu den Gründungsmitgliedern.

Der breit aufgestellte 13-köpfige Vorstand sei in intensivem Austausch, versichert ein Trio im Gespräch mit der APA. Otto-Mauer-Preisträgerin Barbara Kapusta hebt die "sehr intensive Form des kollektiven Arbeitens" hervor, die trotz räumlicher Distanz hohe Diskussionskultur betont Nick Oberthaler, per Zoom aus Lyon zugeschaltet, wo er eine Malerei-Professor hat. Rund 300 Mitglieder und 31 Angestellte hat die Secession derzeit, die Besucherzahlen sind von jährlich rund 140.000 vor der Coronakrise auf 34.000 im Vorjahr eingebrochen. Die meisten Touristen kommen für das von Klimt 1902 für die XIV. Ausstellung gestaltete Beethovenfries im Untergeschoß ins Haus. "Das Klimt-Fries erhält das Haus. Doch es ist trotzdem ein Ganzes: Praktisch jeder, der das Fries aufsucht, besucht auch die Ausstellungen", sagt Daha, die sich in ihrer eigenen Kunst u.a. mit den Opfern von 9/11 oder von NS-Massakern auseinandergesetzt hat.

Weder an der internationalen Ausrichtung, noch an der synchronen Taktung der Bespielung der drei Ausstellungsflächen im Hauptraum, im Keller und im Kabinett wird sich so bald etwas ändern. Das Ausstellungsprogramm 2022 wurde noch vom alten Vorstand mit Präsident Herwig Kempinger, der nach acht Jahren und vier Amtsperioden nicht mehr antrat, konzipiert, ein Dreier-Zyklus musste auf 2023 verschoben werden. Sicher ist nur, dass man künftig die Suche nach Partnern intensivieren möchte, um Secessions-Ausstellungen eine breitere Öffentlichkeit und weitere Etappen zu verschaffen.

Das anstehende 125-Jahre-Jubiläum der Secession soll die eigene Geschichte in den Vordergrund rücken und dabei auch "dunkle Flecken" der Vergangenheit, also die Jahre 1933 bis 1945, behandeln. Man setzt auf oral history und die vom alten Vorstand sichergestellte Digitalisierungs-Förderung, mit der das Archiv erschlossen werden kann. Die Secession soll mehr denn je ein Begegnungsort werden und sich auch aktiver in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs einmischen. Ein im Dezember veröffentlichter Öffentlicher Brief an Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) im Zusammenhang mit dem Kriminalisierungsversuch von Gegnern der Straßenprojekte in der Lobau und in Aspern, der auch Secessions-Mitglied Oliver Ressler betroffen habe, sei ein erstes Beispiel dafür.

Man will mehr denn je auf Vermittlung setzen, auf Rahmenprogramme und auf Diversität. Der bisherige Audioguide wird nicht durch die Touristen-Sprachen Chinesisch und Japanisch, sondern durch Serbisch und Türkisch ergänzt, die beiden größten Migrations-Sprachen Wiens. "Das ist auch eine Haltung", sagt Ramesch Daha. "Wir signalisieren damit: Wir laden Euch ein!" - "Wir wollen die Secession jünger und diverser werden lassen. Und wir wollen uns viel stärker der Nachhaltigkeit widmen und zum Grünen Museum werden", sagt Barbara Kapusta. "Es geht nicht um eine Neuerfindung, aber um eine Nachschärfung an verschiedenen Stellen." Dazu zähle auch, den Leuten mehr als bisher deutlich zu machen, wie die Secession funktioniere, ergänzt Oberthaler. "Die Secession ist etwas Einzigartiges. Das muss man stärker sichtbar machen."

(S E R V I C E - www.secession.at)

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