Kultur

"rand: ständig" in Linz: Ein Blick auf die Perspektivenlosen

Es ist in Stück über die Entsolidarisierung der Gesellschaft und provoziert mit Wortwitz, bei dem das Lachen im Hals stecken bleibt: "rand: ständig", ein Werk des vorjährigen Thomas-Bernhard-Stipendiaten Martin Plattner, ist am Freitag auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters uraufgeführt worden.

Die Handlung ist schnell erzählt: "rand: ständig" porträtiert vier Persönlichkeiten, die von einer Lawine - "der Täter war ausnahmsweise mal weiß" - verschüttet worden sind. Auf Hilfe wartend bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre eigene Unzulänglichkeit, ihr eigenes In-sich-gefangen-Sein mit den anderen zu teilen - und dabei auch kräftig auszuteilen. Dabei kommt schnell die Frage auf, ob sie überhaupt noch zu retten sind.

Die Ausländerfeindlichkeit ("lern Einheimisch!") der "Frau im Krautfass" (Johanna Orsini-Rosenberg) entlädt sich auf die "Frau in der Kühltruhe" (Ines Schiller) und ihr Kopftuch. Das Leben ersterer beschränkt sich auf das Sammeln von Totenbildern, Ringlottenkompott und ihren Fliegentatscher. Doch ihre Verbitterung kommt nicht von ungefähr, hat sie doch ihre "elendige Sippschaft" - Schwester, Vater und Mutter - gepflegt bis zu deren Tod und ist daneben "gepflegt einer überstundenschwangeren Teilzeitanstellung in der Großwäscherei" nachgegangen. Dass sie nun das Wort "Pflege" nicht mehr ohne Brechreiz aussprechen kann und daher statt Pflegeshampoo nur Brennnesselwasser verwendet, erscheint da nur logisch.

Auch die "Frau in der Kühltruhe", Migrantin zweiter Generation, hat ihren ganz eigenen Rucksack zu tragen. Als geschiedenes "Küchenmoped" (Tiroler Ausdruck für eine Migrantin, die Küchen- und Putzjobs erledigt) mit Kopftuch ist sie zwar um Harmonie bemüht, findet aber keinen Platz in der Gesellschaft. Die beiden Frauen vereint - abgesehen von ihrer wohl nicht zufällig beinahe identischen Kleidung -, dass sie im Ortskern nicht erwünscht sind und daher zwangsabgesiedelt worden sind in den Lawinenstrich, um im Ortskern Platz für Parkplätze zu schaffen.

Dieses Schicksal teilt auch der "Bursch im Ofenloch" (Tim Weckenbrock), der - außer seinen "formschönen Hachsen" - wenig hat. Job, Geld und Auto sind weg und so ist der noch junge Mann Pegeltrinker, um seine eigene Homosexualität zu ertragen. Komplettiert wird das Quartett von einer "suizidalen Skischülerin" (Judith Mahler), die die Lawine ausgelöst hat, um darin den Tod und damit die Befreiung von ihrem "Elternzwilling" und weiteren Hackbrett-Schnupperkursen und Brettljausen zu finden.

Der Tiroler Martin Plattner fordert sein Publikum heraus, es muss konzentriert bleiben, um den beinahe maschinengewehrartig auf die Zuseher einprasselnden Wortspielen folgen zu können. Und so mancher Lacher bleibt ob der Drastik der Inhalte und Formulierungen auch im Hals stecken. Denn neben dem Schicksal der vier Verschütteten kommt bald die Frage auf, welche Naturgewalten im alltäglichen Leben lawinenartig auch auf das Publikum hereinbrechen.

Wer bei diesem von Tanja Regele inszenierten Stück mit Mengen an Kunstschnee rechnet, wird enttäuscht, denn die Studiobühne bietet als eigentliche Probenbühne kaum technische Raffinessen. So bleibt das Bühnenbild (Helene Payrhuber) extrem reduziert: Aufgestellte Schaumstoffplatten, die die auch körperlich geforderten Schauspieler immer wieder verschlucken, stehen für die Lawine. Sogar auf die für die Figuren namensgebenden Objekte - das Krautfass, die Kühltruhe, das Ofenloch - wird verzichtet.

Das Publikum bedachte die Darsteller nach knapp eineinhalb Stunden (keine Pause) mit ausdauerndem, wenngleich nicht überschwänglichem Applaus. So mancher blieb wohl ob der Thematik und der fehlenden Perspektiven noch etwas ratlos und nachdenklich zurück.

(S E R V I C E - "rand: ständig" von Martin Plattner. Inszenierung: Tanja Regele, Bühne und Kostüme: Helene Payrhuber, Dramaturgie: Franz Huber. Mit Johanna Orsini-Rosenberg (Frau im Krautfass), Ines Schiller (Frau in der Kühltruhe), Tim Weckenbrock (Bursch im Ofenloch), Judith Mahler (suizidale Skischülerin), Julian Sigl (Nebenschauplatzbeauftragter von Land und von Erdkreis). Weitere Aufführungen am 22. und 26. Jänner, 7. und 16. Februar sowie 2. und 9. März im Landestheater Linz (Studiobühne), www.landestheater-linz.at)

Quelle: APA

Aufgerufen am 23.07.2019 um 08:04 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/rand-staendig-in-linz-ein-blick-auf-die-perspektivenlosen-64350451

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