Kultur

Schau über Wien als verbrecherischen Vorreiter im NS-Staat

Jahrzehntelang gefiel sich Österreich in Bezug auf den Nazi-Terror in der Opferrolle. Dass Wien im Gegenteil sogar eine verbrecherische Vorreiterrolle hinsichtlich des Antisemitismus im NS-Staat und der Deportationen von Jüdinnen und Juden in die Vernichtungsstätten einnahm, macht nun die frei zugängliche Outdoorausstellung "Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah" sichtbar. Zu sehen ist sie ab sofort am symbolträchtigen Heldenplatz.

Wien als verbrecherischer Vorreiter: Schau am Heldenplatz SN/APA/HANS PUNZ/HANS PUNZ
Wien als verbrecherischer Vorreiter: Schau am Heldenplatz

Anlass für die acht Stationen umfassende Freiluftschau ist der 80. Jahrestag der ersten reichsweiten Deportationstransporte. Am 15. Oktober 1941 verließ der erste Zug mit 1.000 österreichischen Jüdinnen und Juden den Wiener Aspangbahnhof in das Ghetto Litzmannstadt/Lodz. Im Verlauf des folgenden Jahres folgen 39 weitere Transporte Zehntausender Menschen in die Konzentrationslager und Mordstätten des Regimes - hauptsächlich nach Theresienstadt.

Allerdings macht die Freiluftschau deutlich, wie früh Österreich bereits eine zentrale Rolle für die nationalsozialistische Politik spielte. So baute Adolf Eichmann 1938 die Wiener "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" auf. Es war die erste Behörde dieser Art im NS-Staat, die die systematische Vertreibung und Beraubung der jüdischen Bevölkerung zum Ziel hatte. "Für Eichmann war Wien ein Karrieresprungbrett", sagte die Historikerin Annemarie Uhl als eine der drei Kuratorinnen bei der Ausstellungspräsentation am Freitag. Nach Wiener Vorbild werden auch in Berlin, Prag und Amsterdam entsprechende "Zentralstellen" eingerichtet.

Auch bei den eigentlichen Todestransporten nahm Wien eine unrühmliche Pionierstellung ein. Im Oktober 1940 brachte der hiesige Gauleiter Baldur von Schirach bei Hitler seinen Plan vor, Wien als erste Großstadt im Deutschen Reich "judenfrei" zu machen. Nach vereinzelten Deportationen im Februar und März 1941 begannen Mitte Oktober desselben Jahres dann die reichsweiten Transporte.

Realisiert wurde das Ausstellungsprojekt vom Haus der Geschichte Österreich (hdgö) in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien und dem Verein zur Förderungen kulturwissenschaftlicher Forschungen. Sowohl hdgö-Direktorin Monika Sommer als auch Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) betonten in einer Pressekonferenz am Freitag die "besondere historische Verantwortung Österreichs" hinsichtlich des Gedenkens an die Opfer der Nazi-Gräuel einerseits und des Kampfes gegen gegenwärtige Formen des Antisemitismus andererseits.

Letztere hätten im Zuge der Coronapandemie einen "Boost" erfahren, beklagte Edtstadler. Wenn von Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen das Symbol des Judensterns getragen und der Corona-Impfstoff mit dem in Auschwitz eingesetzten Giftgas Zyklon B verglichen würde, sei es an jedem Einzelnen, "gegen dieses Krebsgeschwür aufzustehen".

Die mit vielen Fotografien von Akten, Dokumenten, Opfern und Überlebenden angereicherte Ausstellung erzählt auch von Widerstand und Menschlichkeit - etwa von dem nicht-jüdischen Schularzt Josef Feldner, der den Jugendlichen Hans Busztin drei Jahre lang versteckte und so als einzigen seiner Familie vor dem Tod rettete. Derlei Geschichten seien wichtig, um auch in heutiger Zeit zu Zivilcourage zu ermutigen, unterstrich Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. In ganz Europa sei die Zahl antisemitischer Vorfälle zuletzt stark gestiegen: "Es ist höchste Zeit, diese gefährliche Dynamik zu durchbrechen."

Niederschwellige Bildungs- und Vermittlungsangebote wie diese Outdoorausstellung seien ein wichtiger Beitrag dazu, betonte hdgö-Direktorin Monika Sommer. Es sei ein wichtiges Zeichen, das Projekt gerade am Heldenplatz als zentralen Platz der Republik zeigen zu können. Der Ort ist insofern symbolträchtig, als Hitler hier vom Balkon der Neuen Hofburg am 15. März 1938 vor jubelnden Massen seine "Anschlussrede" gehalten hatte.

Dass es um Schuldeingeständnis oder gar Wiedergutmachung nach dem Ende des Naziregimes hierzulande gelinde gesagt nicht zum Besten bestellt war, wird am Ende der Schau einmal mehr in Erinnerung gerufen. Nicht nur die Feindseligkeit von Bevölkerung und Politik gegenüber vertriebenen Rückkehrern, sondern auch die nachlässige Täterverfolgung und Entnazifizierung sowie verschleppte Rückstellungen enteigneter Besitztümer, die bis zu heute laufenden Restitutionsverfahren in Sachen Raubkunst reichen, werden thematisiert.

(S E R V I C E - "Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah" am Wiener Heldenplatz, frei zugänglich bis 10. Dezember, Kuratorinnenführung jeden Freitag um 15.30 Uhr; https://www.hdgoe.at/)

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