Kultur

Schwere Vorwürfe gegen Ballettakademie der Wiener Staatsoper

Mit schweren Vorwürfen sieht sich die Ballettakademie der Wiener Staatsoper konfrontiert: Einem "Falter"-Bericht zufolge seien Kinder "Opfer autoritärer, gewalttätiger und gefährlicher Unterrichtsmethoden geworden", wie eine Lehrerin zitiert wird. Staatsoperndirektor Dominique Meyer zeigte sich betroffen und forderte "komplette Aufklärung". Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet.

Die Verantwortlichen zeigen sich selbstkritisch SN/DPA/FRISO GENTSCH
Die Verantwortlichen zeigen sich selbstkritisch

"Die ganze Sache trifft mich sehr", stellte Meyer bei einem Pressegespräch am Mittwoch klar. "Es sind Dinge geschehen, die inakzeptabel sind. Wir wollen eine lückenlose Aufklärung von allem." Die im "Falter" erhobenen Vorwürfe reichen von Demütigung bis Gewalt und Drill, zudem soll es zu einem sexuellen Übergriff gekommen sein. Eine hauptbeschuldigte Lehrerin wurde bereits entlassen, ein weiterer Lehrer bis zur Klärung der Vorwürfe gegen ihn dienstfrei gestellt. Simona Noja, geschäftsführende Direktorin der Ballettakademie, gab sich diesbezüglich selbstkritisch: "Wir haben zu spät reagiert, zu lange gewartet."

Bestürzt zeigte sich Jolantha Seyfried, ehemalige Leiterin der Ballettschule, im Ö1-"Mittagsjournal": Die beschuldigte Pädagogin sei bereits unter ihrer Leitung aus der Akademie entfernt, aber offenbar später wieder eingestellt worden. "Mich erschüttert, dass Frau Noja sagt, sie hätte das nicht gewusst." Hier sei "auf dem Rücken der Kinder" etwas passiert, was sie nicht nachvollziehen könne. "Ich frage mich, welche Ergebnisse da gestimmt haben?" Damit bezog sich Seyfried auf die Aussage Nojas, dass die betroffene Pädagogin auch sehr gute Arbeit gemacht habe und viele Schüler gut über sie gesprochen hätten.

Laut Meyer arbeite die Staatsoper jedenfalls seit Monaten "sehr gut und offen" mit der Jugendanwaltschaft zusammen, zudem seien weitere Maßnahmen getroffen worden und werde es ab Ostern eine Psychologin für die Kinder geben. Jugendanwalt Ercan Nik Nafs betonte, dass seit Ende 2018 daran gearbeitet werde, die "Kinderrechtsverletzungen aufzuklären sowie Gewalt und jegliche Art von Grenzüberschreitungen in Zukunft zu verhindern". Das Opernhaus hat außerdem eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft Wien geschickt, die nun ermittelt. Derzeit gehe es um Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses sowie sexuelle Belästigung, möglicherweise werden die Ermittlungen noch ausgeweitet.

Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) hat die Bundestheater-Holding mit der Einrichtung einer Sonderkommission beauftragt. "Ein Verhalten, wie das in den Vorwürfen angeprangerte, ist vollkommen inakzeptabel", ließ er wissen. Wie die Sonderkommission konkret aussehen werde, konnte Bundestheater-Holdingchef Christian Kircher am Mittwoch noch nicht darlegen. Er untermauerte aber sein Credo in dieser Frage: "Null Toleranz." Ein derartiger Sachverhalt würde jedenfalls "nicht zum Ansehen einer Institution mit Weltruf" passen.

Für SPÖ-Kultursprecher Thomas Drozda müssen "Kinder wohlbehütet und in Sicherheit aufwachsen und dürfen unter keinen Umständen gefährlichen, autoritären oder gar gewalttätigen Unterrichtsmethoden unterzogen werden." Hinsichtlich der Ballettakademie sprach er von einer "staatlichen Verantwortung" und forderte die Einberufung einer Sondersitzung des Kulturausschusses im Nationalrat, bei der auch Auskunftspersonen zur Klärung der Vorkommnisse geladen werden sollen. Unterstützt wurde dies von NEOS-Kultursprecher Sepp Schellhorn: "Die Republik darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen."

Für ein funktionierendes Beschwerde- und Krisenmanagement sprach sich Martina Wolf, Geschäftsführerin der Österreichischen Kinderschutzzentren, aus. Gerade Institutionen, in denen Kinder dem Erziehungsstil der Lehrenden ausgeliefert sind, müssten über "ein umfassendes Schutzkonzept für Kinder und Jugendliche verfügen". Es brauche Präventionsstrategien in sämtlichen Bereichen, in denen mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird. Karina Sarkissova, ehemaliges Mitglied des Staatsopernballetts, hat selbst in ihrer Ausbildung Übergriffe erfahren. "Meine Lehrerin hat mich gekratzt. Es passiert, man muss es in Kauf nehmen", sagte sie der "Kronen Zeitung", hielt aber gleichzeitig fest: "Klar ist auch, wenn es wirklich zum Äußersten kam, ist es unentschuldbar!"

An der Ballettakademie, deren Anfänge auf die Zeit von Kaiserin Maria Theresia zurückgehen, absolvieren derzeit 110 Schüler zwischen zehn und 18 Jahren eine Tanzausbildung. Für die normale Schulausbildung wird mit Partnerschulen kooperiert: der Neuen Mittelschule (NMS) in der Renngasse in der Inneren Stadt sowie dem Gymnasium Boerhaavegasse in der Landstraße. Praktische Erfahrungen werden bei Aufführungen der Staats- bzw. Volksoper oder mit Auftritten bei Neujahrskonzert und beim Opernball gesammelt, abgeschlossen wird mit einem eigenen Diplom.

Quelle: APA

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