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Sozialkritische Negativräume: Whiteread im Belvedere 21

Wenn für eine Ausstellung elf Sattelschlepper vor dem Belvedere 21 auffahren, ist etwas Großes im Anrollen. In diesem Fall sind es teils ganze Räume - aus Beton wohlgemerkt - die die britische Künstlerin Rachel Whiteread, deren Holocaust-Mahnmal am Judenplatz das Wiener Stadtbild prägt, im Rahmen einer Personale zeigt. Für Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig eine "Meilensteinausstellung".

66 skulpturale Arbeiten hat Kurator Harald Krejci für die Werkschau ausgesucht, die in enger Kooperation mit der Tate Britain und der National Gallery of Art in Washington entstanden ist. Für Wien habe er sich aus konservatorischen Gründen bewusst dafür entschieden, auf die in London ausgestellten Papierarbeiten zu verzichten. Doch auch so beeinflussen Whitereads Materialien - neben Beton auch Gips, Harz und Gummi - das Erscheinungsbild der Ausstellung, die sich im dafür komplett vom Tageslicht abgeschirmten Erdgeschoß des Belvedere 21 erstreckt und dadurch fast so anmutet, als befinde man sich selbst mitten in einem Betonabguss.

Begrüßt wird der Besucher von "Twenty-five Spaces" aus dem Jahr 1995: 25 bunten Gießharz-Abgüssen von sonst unsichtbaren "Räumen" unter Stühlen. Überhaupt sind es die imaginären Räume, die "Leerräume", die die 1963 in London geborene und 1993 als erste Frau mit dem Turner Preis ausgezeichnete Künstlerin interessieren. Bekannt wurde sie Anfang der 1990er mit ihrem Projekt "House" - einem monumentalen Abguss eines Abrisshauses, mit dem sie eine Diskussion über sozialen Wohnbau und Immobilienhaie anstieß. Im Belvedere 21 erinnern Fotos und ein Film an das Werk, das nach wenige Monaten abgerissen wurde.

Immerhin der Abguss eines ganzen Raums ist in der Ausstellung in Wien zu sehen: Dabei handelt es sich um jenen "Room 101" im ehemaligen Gebäude des britischen Senders BBC, der vermutlich die Vorlage für George Orwells "Room 101" in seinem Roman "1984" bildete. Sozialkritisch zu verstehen sind auch jene an der Wand aufgereihten, geknickten Matratzen, die an die Lebensrealität von Obdachlosen in London erinnern sollen, wie Krejci erläuterte.

Auch jene Abgüsse von Wärmflaschen, mit denen Whiteread ihre Karriere begann, sind in der Ausstellung vertreten. Neben Abgüssen von Türen, Fenstern und Fußböden ragt auch die Negativform eines Treppenhauses hoch in den Raum. Ein besonderer Schwerpunkt liegt freilich auf jenem Mahnmal, das Whiteread zum Gedenken an den Holocaust schuf: Neben einem Modell finden sich auch einige Vorstudien auf Papier sowie Fotos. Für Rollig ist die Künstlerin "zutiefst mit Wien verwurzelt", die Vorbereitung der Ausstellung sei ein "ganz großer Glücksfall" und habe mehrere Jahre in Anspruch genommen. Bis zum 29. Juli kann die Personale noch besucht werden, bevor die monumentalen Werke erneut eine weite Reise antreten: Nächster Halt ist Washington.

Quelle: APA

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