Kultur

Stille Post von China bis ins MAK

Wenige haben das europäische Bild der chinesischen Gegenwartskunst so geprägt wie der Schweizer Sammler Uli Sigg. Seine seit den 1970er Jahren aufgebaute Kollektion, von der ein großer Teil künftig als Schenkung an das M+ Museum in Hongkong geht, tourt derzeit noch einmal durch Europa. Im MAK zeigt man ab Mittwoch "Chinese Whispers": Zur Eröffnungsdiskussion am Dienstag kommt auch Ai Weiwei.

In einer Zeit, die als "chinesisches Jahrhundert" in die Geschichtsbücher eingehen werde, müssten wir uns darüber Gedanken machen, "wie China tickt", so MAK-Chef Christoph Thun-Hohenstein bei der Pressekonferenz am Dienstag. Uli Sigg, Unternehmer, Journalist, Diplomat, hat sich dieser Frage stets am liebsten über die Kunst genähert. Und tut es weiterhin - während einige der rund 100 ausgestellten Werke bald nach Hongkong ins neue Museum verschifft werden, besteht ein großer Teil der Schau aus seinen Neuerwerbungen der vergangenen Jahre.

Ein wichtiger Antrieb sei ihm stets gewesen, "zu sammeln, was ein Museum hätte sammeln sollen", betonte Sigg. Dieses Museum gab es lange nicht. Und ob ein chinesisches Museum jene Künstler honoriert hätte, denen Sigg zu internationalem Ansehen verholfen hat, darf mitunter bezweifelt werden. "Einige der Werke dürften in China gar nicht ausgestellt werden", erklärte Kuratorin Bärbel Vischer.

Die Gemälde und Videoarbeiten von Liu Ding etwa, in denen er den sozialen Realismus und die Aufarbeitung der Kulturrevolution mit beißendem Sarkasmus untersucht. Oder He Xiangyus täuschend lebensecht aussehender "Death of the Marat", der aus Fiberglas und Silikon gebildete Körper des Künstlers Ai Weiwei, der todbringend zu Boden gestürzt scheint.

Zhao Bandi malt liebliche Szenen, etwa eine "Scenery with Monitors", die in einem Park flächendeckend eingesetzte Gesichtserkennungskameras als beschauliches Motiv inszeniert. Und nicht zuletzt Ai Weiwei selbst gibt sich wie üblich sowohl sinnlich überbordend wie auch gesellschaftskritisch, wenn er mit der opulenten Skulptur "Descending Light with a Missing Circle" den Hingucker der Schau liefert: Ein scheinbar dramatisch zu Boden gekrachter monumentaler Luster aus roten Kristallen räkelt sich in der großen Ausstellungshalle - ein Abgesang auf eine dekadente Zeit, auf Tuchfühlung mit dem Crash, dessen rotes Farbspektrum auch ein politisches ist.

Viele andere Arbeiten hätten dagegen wohl keine Probleme mit der "allgegenwärtigen Zensur" in China, die Kuratorin Vischer in Erinnerung rief. Sie gelte es mitzudenken, als ständige Instanz für das Kunstschaffen - und den Kunstunterricht - in China, dessen Gegenwartskunst auf den internationalen Märkten schon den einen oder anderen Boom ausgelöst hat. Ein Raum ist der abstrakten Malerei gewidmet, dekorative, mit den fernöstlichen Prinzipien von Leere und Mustererkennung korrespondierende Flächen, etwa Chen Yuan Kius "Self-Control", ein mit menschlichen Haaren durchzogenes Papier.

Wiederkehrendes Thema ist auch die Verbindung von antiker und neuer Technik - Hölzer, Papiere, Bearbeitungsformen aus den alten Kaiserdynastien werden kombiniert mit dem Vorpreschen der digitalen Supermacht. Feng Mengbo hat aus "Geheimtinte", alten Kalligraphie-Techniken und digitaler Verarbeitung eine tapetenartige Wand geschaffen, Gao Weigang dekliniert Marmor in Form, Farbe und Oberflächenbehandlung als langsam verlaufende, den Boden bedeckende Fläche von alt nach neu, archaisch nach glatt geschliffen, dunkel nach hell.

Shao Fan hat seinen "King Chair" gebaut, indem er einen Stuhl aus der Ming-Dynastie in der Mitte zersägte und einen neuen Designerstuhl einfügte. Dieses Wechselspiel aus antik und modern doppelt die Wiener Variante der Sigg-Ausstellung durch ihre eigenen Bestände auf. "Wir haben eine großartige Asien-Sammlung von ca 25.000 Objekten, etwa die Hälfte davon aus China", so Thun-Hohenstein. Die aktuelle Kunstproduktion Auge in Auge mit bis zu 100 Jahre alten Objekten zu präsentieren, schaffe "eine ganz andere Dimension".

"Chinese Whispers" ist als Titel übrigens durchaus selbstkritisch. Der Ausdruck ist die englische Bezeichnung für das Spiel, das bei uns als "Stille Post" firmiert - eine kleine Verneigung vor dem großen interkulturellen Graben, den solche Panorama-Schauen nur ein kleines Stück weit überwinden können. Jenes China, das wir hier so eindrucksvoll zu sehen glauben, ist das chimärenhafte Ergebnis einer vielfach verzerrten Flüsterpost. Unmittelbarer über China kommuniziert wird dagegen heute Abend: Vor der Eröffnung der Ausstellung findet im Haus eine hochkarätige Podiumsdiskussion statt, bei der Sammler Sigg sich mit den Künstlern Ai Weiwei, Miao Ying und Jun Yang über "Multiple Revolutions" unterhält. Dass es dabei nicht - nur - im Kunst gehen wird, darf angenommen werden.

Quelle: APA

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