Kultur

Thielemanns musikalische Sommerliebe in Salzburg

Ein Sommer ohne Wagner, das ist für Christian Thielemann eigentlich undenkbar. Im Gegensatz zu den Salzburgern finden die Bayreuther Festspiele wegen Corona nicht statt, dort hätte Thielemann heuer eigentlich den "Lohengrin" dirigiert. Dank Salzburg kam er nun am Freitag im Großen Festspielhaus doch noch an ein sommerliches Wagner-Dirigat und dank Elina Garanca auch an ein Dosis Opernfeeling.

Dank Salzburg kam Thielemann doch an ein sommerliches Wagner-Dirigat SN/APA (Archiv)/BARBARA GINDL
Dank Salzburg kam Thielemann doch an ein sommerliches Wagner-Dirigat

Den Begriff Oper für seine Gesamtkunstwerke mochte Wagner nicht sonderlich. Allerdings mochte er auch keine Lieder und schrieb dennoch die "Wesendonck-Lieder". Besondere Zeiten bewegen Menschen manchmal zum Umdenken, und so wie die Festspiele Thielemann nach Salzburg bewegt haben, bewegten die Maiaufstände Wagner 1849 nach Zürich auf das Anwesen des Ehepaars Wesendonck, wo er sich alsbald in eine unglückliche Liebelei mit der Hausherrin stürzte, die außer Gattin seines Mäzens Otto Wesendonck auch noch Amateurdichterin war. Außer in der Kunst war ihnen keine Vereinigung gegönnt, und so sind die vertonten Gedichte Wesendoncks Wagners einzige schöne Erinnerung an jene Zeit und einer seiner wenigen Ausflüge in kammermusikalische Gefilde.

Kammermusik konnte man in Thielemanns Konzert mit den Wiener Philharmonikern und Elina Garanca lange suchen. Schon alleine die gewählte orchestrierte Fassung der Lieder von Felix Mottl verhinderte das, doch es schien, als wäre der Dirigent ebenso wie die Solistin hungrig auf Opernmomente und nicht auf Kammermusik gewesen. Genug Zeit in der heimischen Kammer dürften beide in den vergangenen Monaten auch verbracht haben. Thielemann hatte in einem Interview mit BR-Klassik erst kürzlich erzählt, dass er die viele freie Zeit für ein intensives Studium von Bruckners vierter Symphonie genutzt hatte, die am Freitag ebenfalls auf dem Programm stand.

Elina Garanca gefiel der Gedanke offensichtlich, die Lieder wie Arien anzulegen, besonders das Lied "Schmerzen" klang bei ihr weniger nach Liebeslied als nach Liebestod, wie im fast zeitgleich entstandenen "Tristan". Doch auch im Großen Aufgebot fanden Thielemann und Garanca gemeinsam Momente kammermusikalischer Intimität, besonders gut gelang ihnen das "Im Treibhaus", das von Wagner selbst als "Studie zu Tristan und Isolde" unterschrieben wurde. Für diese vielfarbig inszenierten Gefühle bekam Garanca Jubel und Applaus des Publikums und liebevolle Blicke ihres Dirigenten. 

Auch wenn die Solistin die Bühne verlassen hatte, die Liebe blieb. Die "Romantische" hatte Bruckner seine vierte Symphonie benannt, vermutlich aufgrund der romantisch anmutenden Naturklänge und der als Inspiration zugrunde liegenden mittelalterlichen Szenen. Auch Thielemann wählte eine romantische Herangehensweise an die Symphonie, die sich allerdings nicht etwa in einem verkitschten Dirigat, sondern in der Art seiner Gestaltung äußerte, in der konzentriertes Zuhören mit allerlei Details belohnt wurde. Wie ein Vögelchen aus seinem Nest lockte Thielemann die Flöte im Andante aus dem Orchester, spannte die Wiener Philharmoniker vor allem im ersten Satz genüsslich lang wie eine Schleuder, deren Ladung er plötzlich mit geballter Energie ins Publikum feuerte und ließ sie im Scherzo erst so richtig in Fahrt kommen, ehe er mit einer Gefahrenbremsung vor dem Trio Halt machte.

Nicht nur der Einstieg der Streicher in den Kopfsatz mit der Anmutung der Ouvertüre des "Fliegenden Holländers" ließ Bruckner manchmal ein bisschen wie Wagner klingen. Doch der hegte bekannter Maßen genau so wie Thielemann eine große Liebe zur Musik des Komponisten. Und für diese exakte eine Stunde und 45 Minuten Konzerterlebnis liebte das Publikum die Wiener Philharmoniker und Christian Thielemann und ließ diesen auch nachdem die "Wiener" schon fast komplett die Bühne verlassen hatten nicht so schnell gehen.

Quelle: APA

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