Kultur

Ukrainische Gegenwartskunst in Wien

Eine Ausstellung im Wiener Semperdepot präsentiert derzeit die Ukraine als ein Land, das sich auch fünf Jahre nach dem "Euro-Maidan" im Umbruch und auf Identitätssuche befindet. Für "Between Fire & Fire. Ukrainian Art Now" haben die Kuratoren Alissa Loschkina und Konstantin Akinsha neben zeitgenössischer Kunst auch Teile eines sowjetischen Kriegerdenkmals nach Wien gebracht.

Monochrome Landschaftsaquarelle mit nackten Läufern hat Mykyta Schalennyj in eine virtuelle Realität transferiert, die im Eingangsbereich der am gestrigen Freitag eröffneten Ausstellung mit Hilfe einer VR-Brille erforscht werden können. In einem computerspielartigen Setting des Künstlers aus Dnipro avanciert der Ausstellungsbesucher selbst zu einem Sportler, der schier endlos durch wechselnde Landschaften sprintet. Wohin diese flotte Reise gehen soll, bleibt jedoch unklar.

Schalennyjs Arbeit darf als Metapher für jene turbulenten Entwicklungen gelten, die die Ukraine der letzten Jahre auszeichnen. Nachdem die "Revolution der Würde" nach einem Blutbad am Maidan vor fünf Jahren zu einem Machtwechsel geführt hatte, Russland in Folge die Halbinsel Krim annektierte und im Osten des Landes ein Krieg begann, entschied die Bevölkerung vor wenigen Monaten, das seit 2014 regierende Establishment nun wieder abzuwählen.

"Das Land befindet sich im Transit, buchstäblich zwischen Feuer und Feuer, und es versucht zu verstehen, was es mit seiner Vergangenheit und Zukunft anfangen soll", erklärte Ko-Kurator Akinsha gegenüber der APA. Man wolle zeigen, wie Künstler auf diese Situation reagieren, sagte er.

Dass bei diesen Fragen gerade die Beschäftigung mit dem sowjetischen Erbe eine herausragenden Rolle spielte, illustrieren gleich mehrere Arbeiten der aktuellen Schau. In "Vernichtung nach Ukrainisierung" zeichnete der Kiewer Dawyd Tschytschkan mit den Nationalfarben und dem ukrainischen Dreizack bemalte Lenins: Nach dem Machtwechsel von 2014 hatten zahlreiche Kommunen im Osten und Süden des Landes vergeblich gehofft, imposante Lenin-Statuen dadurch vor der staatlich forcierten "Dekommunisierung" retten zu können.

Ein Nutznießer dieses Prozesses ist aber auch die Ausstellung selbst: Die Kuratoren ließen fünf überdimensionale Flachreliefs, die 1970 für ein äußerst pathetisches Denkmal des "Militärruhms der Sowjetarmee" in Lwiw (Lemberg) geschaffen und 2019 demontiert worden waren, eigens nach Österreich transportieren: Nahezu despektierlich kontextualisiert mit Hera Artemowas Fotografien von Perchtenmasken aus den Karpaten fungieren der Infanterist, Panzerfahrer, Artillerist, Pilot und Matrose nun als zentraler Blickfang.

Die ästhetische Überwindung der Sowjetzeit beschränkt sich aber nicht nur auf Denkmäler. Oleksandr Sowtussyk aus Iwano-Frankiwsk hat Teppiche zerschnitten und diese sowjetischen Statussymbole in überdimensionalen Rohrschachtest verwandelt, der auch beängstigende Monster erkennen lässt. Mit einem spätsowjetisch kodierten Wohnungsdesign hat sich indes der Kiewer Jurij Pikul beschäftigt: Ausgehend von Fotos, die Vermieter im Internet veröffentlichten, malte er eine gerade in der Provinz verbreitete Kitschinterieurs mit Palmen, einschlägigen Sofagarnituren und eben auch Teppichen.

Spuren in der Kunst hat aber auch ein bis dato nicht beendeter Krieg in der Ostukraine sowie eine teils militärisch ausgetragene Konfrontation mit Russland hinterlassen: Der aus Luhansk stammende Fotograf Oleksandr Tschekmenow porträtierte 2014 eine ostukrainische Pensionistin mit einer Ikone vor einer Kriegsruine - das Foto ist im Eingangsbereich zu sehen. Die Ausstellung endet mit verkohlten Holzbrettern, aus denen der Ostukrainer Roman Michajlow 2015 Silhouetten von Kriegsschiffen konstruierte. Ein Jahr zuvor hatte Russland die ukrainische Schwarzmeerflotte von der Krim vertrieben.

"Between Fire & Fire" ist Teil des Kulturjahrs Österreich-Ukraine 2019, für das auch der russische Präsident Wladimir Putin mitverantwortlich ist. Nachdem Putins Besuch bei der Hochzeit der damaligen Außenministerin Karin Kneissl für merkliche Verstimmungen gesorgt hatte, war Sebastian Kurz als Bundeskanzler im September 2018 zur Versöhnung nach Kiew gereist. Im Rahmen dieses Besuchs wurde seinerzeit auch die Abhaltung des nunmehrigen Kulturjahrs verkündet.

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Aufgerufen am 26.07.2021 um 01:13 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/ukrainische-gegenwartskunst-in-wien-76532785

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