Kultur

SN-Festspielgespräch mit Rabl-Stadler, Hinterhäuser und Crepaz: Die Festspiele wollen Eisbrecher sein

Die Salzburger Festspiele feiern ihr 100-jähriges Bestehen. Über deren Geschichte, die besonderen Umstände der Jubiläumssaison und das diesjährige Programm gab es am Donnerstagabend das traditionelle Festspielgespräch im SN-Saal mit dem Direktorium.

Intendant Markus Hinterhäuser, Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und der Kaufmännische Direktor Lukas Crepaz vor dem SN-Festspielgespräch.  SN/chris hofer
Intendant Markus Hinterhäuser, Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und der Kaufmännische Direktor Lukas Crepaz vor dem SN-Festspielgespräch.

Das SN-Festspielgespräch zum Nachsehen

"Auch die Kultur muss einen Atem finden"

Dass der Kulturbetrieb "unendlich intensiv" nach seiner Coronatauglichkeit befragt werde, sei wichtig. Aber genauso wichtig sei es, den Versuch zu wagen, "diese Kultur wieder zum Leben zu erwecken", sagte der Intendant der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser. "Auch die Kultur muss einen Atem finden", sie müsse sich aus der Agonie erfangen und wieder neue Vitalität finden.

"Wir können nicht anders, wir müssen mit diesem Virus irgendwie leben", forderte Markus Hinterhäuser am Donnerstagabend im Podiumsgespräch im SN-Saal auf. Wenn Reisen möglich sei, wenn andere Branchen ihren Betrieb aufnähmen, "müssen auch wir Mechanismen finden", und das "in relativer Unaufgeregtheit".

Dass Salzburger Festspiele "in modifizierter Form" mit verkleinertem Programm stattfänden, solle anderen Institutionen Mut machen, beteuerte der Intendant. Denn "wir müssen die nächsten Monate überstehen" - bis es Impfung oder Medikament gebe. Diese "Kraftanstrengung" sei "jede Mühe wert".

Um diese "relative Unaufgeregtheit" zu erreichen, ist ein Sicherheitskonzept erarbeitet worden, das im SN-Saal ausführlich erläutert wurde. Markus Hinterhäuser berichtete, dass dies auch künstlerische Auswirkungen habe: Alle Veranstaltungen würden ohne Pause gespielt. Denn in Pausen sei nicht gewährleistet, dass der Abstand eingehalten würde, ergänzte der Kaufmännische Direktor Lukas Crepaz. Noch dazu müssten bei Bewirtung an Buffets die Masken abgenommen werden. Denn: In allen Gängen und Foyers gilt für Publikum wie für Mitarbeiter strikte Maskenpflicht.

Keine Pausen, keine großen Opern

Auf alle Opern mit "Massen an Chorsängern" oder vielen Statisten werde heuer verzichtet, berichtete Markus Hinterhäuser. Daher seien Modest Mussorgskis "Boris Godunow" und Luigi Nonos "Intolleranza" nicht möglich - beide wären im ursprünglichen Programm gewesen. Bei anderen Opern sei die Unterbrechung der Vorbereitungen durch die Coronaschließung nicht aufholbar gewesen.

Was ist möglich? ",Elektra' hat auf der Bühne nicht viel Personal", sagte Markus Hinterhäuser. Allerdings sei das Orchester sehr groß. "Aber das dürfen wir machen", sagt der Intendant und versichert: "Wir tun nichts, was wir nicht dürfen."

Wie kam es zu "Così fan tutte"? Im Gespräch mit Christof Loy, der eigentlich "Boris Godunow" hätte inszenieren sollen, seien sich beide rasch einig gewesen: "100 Jahre ohne Mozart-Oper geht nicht." "Così fan tutte" hätten beide für möglich gehalten - und sei es, dass "niemand sich berühren wird". Der Intendant stellte aber klar: "Wir werden sicher nicht ,Covid fan tutte', sondern ,Così fan tutte' machen."

"Jede Zelle meines Körpers hat 'Danke!' gesagt"

In die erste Orchesterprobe mit der Dirigentin Joana Mallwitz sei er etwas zu spät gekommen, erzählt Markus Hinterhäuser. Als er leise die Tür geöffnet und die Stimmen des Terzetts "Soave sia il vento" vernommen habe, "hat jede Zelle meines Körpers ,Danke!' gesagt - dieses Wunderwerk an Musik zu hören."

Noch etwas erzählte Markus Hinterhäuser aus einer "Così"-Probe: Am Mittwoch habe er den Sängern, dem Regieteam, den Bühnentechnikern etwas Trauriges mitteilen müssen: Es könne heuer keine Premierenfeier geben. Alle hätten dies verstanden und Christof Loy habe erwidert: "Mach dir keine Sorgen, die schönste Feier habt ihr uns bereitet, dass es stattfindet."

Salzburger Festspiele als "Eisbrecher für die anderen"

Das Mutmachen hob auch Helga Rabl-Stadler hervor. Stets sei für sie wichtig gewesen, dass es keinerlei Ausnahme für die Salzburger Festspiele gebe. "Wir wollten keine Sonderlösung." Aber bei gleichen Regeln für alle sollten die Salzburger Festspiele durchaus "Eisbrecher für die anderen" sein.

Nie, auch nicht während der strengsten Schließung, habe sie daran gezweifelt, dass die Salzburger Festspiele im Jubiläumsjahr trotz der Pandemie wenigstens ein Zeichen setzen könnten, beteuerte die Präsidentin. Aber es habe schon eine Zeit gegeben, als sie gedacht habe, es werde nur am 22. August eine Freiluftaufführung des "Jedermann" und ein Freiluftkonzert der Wiener Philharmoniker geben.

Schon zu Beginn der Schließung, "in diesen traurigen Wochen", habe sich das Direktorium in Videokonferenzen auf den Stufenplan geeinigt, berichtet Markus Hinterhäuser. Die Hypothese sei gewesen: "Der Lockdown musste zu Konsequenzen führen, dass die Zahlen eine Beruhigung erfahren. Und das ist dann auch eingetreten."

Der 25. Mai brachte eine Überraschung

Lukas Crepaz erzählte, dass bis 25. Mai die Planung gelautet habe: "Vielleicht schaffen wir zwei Wochen von Mitte bis Ende August." Dann kam die Überraschung: Am 25. Mai kündigte die Regierung an, dass ab 1. August Veranstaltungen von 500 oder - mit Sicherheitskonzept - 1000 Personen erlaubt sind. Da wurden noch am selben Tag von Kuratorium und Direktorium Salzburger Festspiele im ganzen August beschlossen. Denn: "Wenn wir die Möglichkeit haben, dann nehmen wir sie wahr", sagte Lukas Crepaz.

Angst vor Corona? Immer wieder höre sie: "Jetzt war das mit dem Rotary-Club, habts eh beschlossen, dass ihr nicht mehr spielt?", erzählte die Präsidentin und entgegnete forsch: "Was wäre das für eine verheerende Fantasielosigkeit, wenn jeder Coronafall die Festspiele aus dem Konzept brächte!" Und doch: Gesundheit von Künstlern, Mitarbeitern und Publikum habe Vorrang vor allem. Und Lukas Crepaz hob hervor: Die Sicherheitsmaßnahmen in den Festspielhäusern gingen weit über die Mindestanforderungen der Verordnung hinaus.

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