Kultur

viennacontemporary: Masken, Digitalisierung und Vereinzelung

Bunt, multimedial und sich oftmals auf die digitalisierte Welt beziehend: So präsentiert sich die Corona-bedingt verkleinerte viennacontemporary, die bis Sonntag die Wiener Marx-Halle bespielt. Lediglich 65 Galerien aus 16 Ländern sind heuer zu Gast, während es im Vorjahr noch 110 Galerien aus 26 Ländern waren. "Kultur muss lernen, wie es jetzt weitergehen kann", begründete Dmitry Aksenov, Boardvorsitzender der Messe, die Entscheidung zur Durchführung bei der Pressekonferenz.

Hat man eines der Timeslot-Tickets gelöst, sich die Hände desinfiziert und den Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt, steht einem Streifzug durch (nicht nur mittel- und osteuropäische) Gegenwartskunst nichts im Wege. Dank der Reduktion auf eine einzige Halle, breite Gänge und ein Leitsystem kann man pro Timeslot als einer von bis zu 2.000 Besuchern Neues entdecken, sich aber auch an Altbekanntem erfreuen. Die Spannbreite ist dabei denkbar groß: Die Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder hat etwa neue Gemälde von Herbert Brandl im Angebot, Fans von Hermann Nitsch kommen bei der Wiener Galerie "unttld" auf ihre Kosten - beziehungsweise können dort ihr Geld im mittleren und oberen fünfstelligen Bereich loswerden. Die beiden Galerien gehören zu jenen 32 heimischen Ausstellern, die heuer zu Gast sind. Wie gehabt liegt der internationale Schwerpunkt auf Zentral- und Osteuropa, darunter Galerien aus der Slowakei, Serbien, Tschechien oder Rumänien.

Alles andere als aus Osteuropa ist die südkoreanische Galerie H.A.N., die mit sich der Vereinzelung verschreibenden Acrylbildern von Myungil Lee hervorsticht. Seine knalligen, monochromen Schattenfiguren starren mit gebeugtem Rücken auf ein Smartphone oder scheinen mitten im Weiß der Leinwand auf etwas zu warten. Einsamkeit ist auch jenes Gefühl, das den Betrachter der Arbeiten der bulgarischen Künstlerin Iskra Blagoeva in der bulgarischen "One Gallery" befällt: Sei es das Gemälde einer aufrecht und starr in völligem Dunkel sitzenden jungen Frau oder ein Stillleben mit einem toten Vogel - die 1978 geborene Künstlerin kehrt innere Abgründe nach außen.

Die Pseudoanonymität im urbanen Raum thematisiert der aus Moskau stammende Künstler Alexander Vinogradov in seinen großformatigen, an Google Streetview-Bilder angelehnte Gemälden: Auch er macht die Gesichter der zufällig vor die Kamera der Google-Autos laufenden Passanten unkenntlich, schreibt ihnen aber durch Körperhaltung und spezifische Kleidungsstücke Wiedererkennbarkeit ein. Die Digitalisierung findet sich auch in den Arbeiten des estnischen Künstlers Marko Mäetamm wieder, der in seinen Schwarz-weiß-Bildern fiktive Whatsapp-Protokolle abbildet.

Neben der regulären Ausstellung gibt es heuer noch die Schienen "Zone 1" und "Explorations": Erstere gehört jungen Künstlern unter 40 Jahren, die von acht Galerien präsentiert werden. So zeigt etwa Georg Kargl Fotos der 1983 geborenen Wiener Künstlerin Rosa Rendl, die sich auf Details von Stereoanlagen oder einem offenen Wäscheschrank konzentriert. Einen feministischen Beitrag zeigt die Galerie Sophia Vonier mit Arbeiten von Marianne Vlaschits, deren Ölbilder sich der Nahaufnahme weiblicher Geschlechtsorgane widmen.

Die "Explorations" wiederum fokussieren auf Arbeiten, die zwischen 1945 und 1980 entstanden sind. "In der von ideologischen Wettläufen und Beschleunigung geprägten Nachkriegsrealität arbeiteten die Künstler oft in Opposition zu den staatlichen Kulturdoktrinen ihre jeweiligen Heimatländer", wie die Kuratorin Elisa R. Linn bei der Pressekonferenz erläuterte. Mit dabei sind unter anderem geometrische Abstraktionen des ungarischen Künstlers Tamás Konok sowie seiner Landsfrau Vera Molnar oder minimalistische Arbeiten des Rumänen Diet Sayler.

Johanna Chromik, künstlerische Leiterin der viennacontemporary, freute sich vor allem, dass durch die verschärften Umstände große Loyalität zwischen den Ausstellern zu bemerken war, wodurch auch einige - vor allem ungarische - Galerien mit dabei sein können, ohne selbst persönlich vor Ort zu sein. Drei Galerien mussten allerdings kurzfristig den Umständen Tribut zollen und sind doch nicht nach Wien gekommen, 16 sind das dagegen erste Mal dabei.

Einen kleinen Reminder, sich an die Vorgaben zu halten, liefert übrigens auch eine Künstlerin: Die 1980 geborene Deutsche Stefanie Gutheil zeigt in der Marx-Halle ihre Serie "Hiding Mask". Die neue Normalität hat somit endgültig Einzug in die Kunst gehalten. Wer übrigens keine Möglichkeit hat, die Messe physisch zu besuchen, kann sich auf dem neu geschaffenen Portal "vc_on" einen detaillierten Überblick verschaffen.

Quelle: APA

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