Kultur

Was Traditionen immer noch packend macht

Was haben die Ranggler auf dem Hundstoa mit Wiener Walzertänzern gemeinsam? Ein Buch schlüsselt Österreichs Kulturerbe kurzweilig auf.

Die Pinzgauer Hundstoa-Ranggler.  SN/folio verlag/caterina krüger
Die Pinzgauer Hundstoa-Ranggler.

Die Ranggler, die sich jeden Sommer auf dem Hundstoa im Pinzgau einfinden, haben einen Vorteil. Und das nicht bloß, weil ihr Kräftemessen nach strengen Regeln als traditionsreichste Sportveranstaltung im Salzburger Raum gilt und deshalb seit 2010 auf der UNESCO-Liste für Immaterielles Kulturerbe steht. Auch wenn der Wettkampf einmal mit Blessuren endet, können sie sich mit einer regionalen Tradition trösten, die sich über Jahrhunderte bewährt hat: Das Natur-Heilwissen des Pinzgaus ist ebenfalls als UNESCO-Kulturerbe anerkannt. Auf dieser Liste sammelt die UN-Organisation seit 2009 regionale Traditionen, Praktiken, Rituale, Künste und Wissensschätze, die es als "Quellen kultureller Vielfalt" zu bewahren gilt.

Neben ohnehin berühmten Aushängeschildern wie dem Wiener Walzer, der Kaffeehauskultur oder der Reitkunst der Lipizzaner gebe es in dem Kulturerbe-Verzeichnis "sehr viele Dinge, die man eigentlich immer noch wenig kennt", sagt Edith A. Weinlich. Gemeinsam mit Maria Walcher hat sie deshalb alle 103 Traditionen, die bis September in Österreich gelistet waren, in einem Buch unter dem Titel "Ein Erbe für alle" aufgeschlüsselt.

Nur auf Fotos haben die Autorinnen dabei bewusst verzichtet. Warum? Vor allem berühmtere Traditionen hätten dabei ihre Tücken, sagt Weinlich: "Man sieht dann ein Bild, und schon glaubt man, alles zu wissen." Dabei gebe es hinter jedem Klischee auch Neues zu entdecken. Wer hätte etwa auf Anhieb gewusst, dass die Lipizzaner der Hofreitschule Grander-Wasser zu trinken bekommen?

Statt Bildern unterstreichen im Buch also Illustrationen von Caterina Krüger, dass es nicht schadet, das Erbe immer wieder neu zu betrachten. Manchmal hilft auch ein Blick von außen: In den 1970er-Jahren wurde etwa eine japanische Forscherin auf die Brotherstellung der Bergbauern im Kärntner Lesachtal aufmerksam. In abgeschiedener Höhe waren sie zur Selbstversorgung gezwungen und entwickelten ihre ganz eigene Brotkultur. Wenn eine solche Tradition neue Sichtbarkeit bekomme, "dann bedeutet das auch Anerkennung für die, die sie pflegen: Es unterstützt das Bewusstsein, dass das eigene Erbe einen Wert hat", sagt Weinlich.

Nicht immer sichtbar, aber überlebenswichtig kann das Gespür für Schnee und Lawinen sein. Mit einer zunehmenden Vermessbarkeit der Welt sei traditionelles Wissen um alpine Gefahren allmählich in den Hintergrund gedrängt, heißt es im Buch. Doch durch Lawinenunglücke wie jenes in Galtür sei auch das Vertrauen in die technische Vorhersagbarkeit erschüttert worden, heißt es im Buch: "Erfahrung, Intuition und sinnliche Wahrnehmung der Einheimischen bleiben ein wichtiger Mosaikstein im Erkennen und Abschätzen von drohenden Gefahren." Seit 2016 zählt das "Erfahrungswissen im Umgang mit der Lawinengefahr" zum immateriellen Kulturerbe.

Die Autorinnen haben die 103 Traditionen nicht nur thematisch geordnet, ein Register gibt auch einen regionalen Überblick. Mehr als ein Dutzend Einträge - vom Puppenspiel im Marionettentheater bis zum Samson-Tragen im Lungau, finden sich in Salzburg, wo das Buch am Sonntag im Freilichtmuseum Großgmain auch erstmals präsentiert wurde. Der Stoff für eine Fortsetzung sollte nicht ausgehen: Seit Erscheinen sind bereits 14 neue Praktiken zum Kulturerbe erklärt worden.

Buch: Maria Walcher, Edith A. Weinlich: "Ein Erbe für alle", 256 Seiten, Folio Verlag 2018.

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