Kultur

Werk X-Petersplatz widmet sich Asyl und Erinnerungskultur

Frei nach dem Motto "Art Should Comfort the Disturbed and Disturb the Comfortable" startet das Werk X am Petersplatz in die zweite Hälfte der laufenden Saison und bringt sowohl Aufrüttelndes als auch Tröstliches auf die Kellerbühne in der Wiener Innenstadt. Einen Ausblick gab Intendantin Cornelia Anhaus auch auf die Pläne für die kommende Saison. Bis Ende des Jahres stehen 13 neue Produktionen auf dem Programm, davon zwölf Uraufführungen.

Regisseurin Martina Gredler inszeniert "Trümmerherz" SN/APA/Werk X-Petersplatz/Reinhard
Regisseurin Martina Gredler inszeniert "Trümmerherz"

Angesichts der derzeitigen Ereignisse sprach Anhaus ihre Solidarität mit der Ukraine aus; man arbeite an Möglichkeiten, sich in den kommenden Wochen auf und hinter der Bühne mit dem Krieg auseinanderzusetzen. Was ihre persönliche Zukunft betrifft - für den Intendantenposten läuft gerade eine Ausschreibung für die Saison ab 2023/24 - zeigte sie sich auf APA-Anfrage angesichts des laufenden Prozesses zurückhaltend, bekräftigte aber ihren Wunsch, die Spielstätte auch in Zukunft leiten zu wollen.

Fix ist jedenfalls die nahe Zukunft: Am 16. März steht die Premiere von "Da war ich nicht mehr da" von und mit Leni Plöchl auf dem Programm. In Kooperation mit dem Theater im Bahnhof realisiert sie ein"digitales Maskenspiel" mit jenem Material, das sie ursprünglich mit Seniorinnen und Senioren eines Altenheims in Tel Aviv für einen Dokumentarfilm aufgenommen hat. Für "Wo man singt, da lass dich nieder" hat Plöchl von 2013 bis 2018 Erzählungen aus der Kindheit in Österreich gesammelt, bevor die Protagonistinnen und Protagonisten aufgrund der Shoah flüchten mussten. Auf der Bühne werden die erzählenden Gesichter auf Plöchl projiziert, wodurch "eine neue, medial erzeugte Zeitzeugin entsteht", wie die Künstlerin beim Pressegespräch am Mittwoch erläuterte.

Mehr "disturbing" als "comforting" ist die Uraufführung von "Blackout" am 31. März: Die Stückentwicklung des Kollektivs kochen.mit.wasser widmet sich einem realen Mord an einem Teenager, der anhand von Gesprächen mit Zeitzeugen rekonstruiert werden soll. Heiterer geht es wahrscheinlich am 21. April zu, wenn die Regisseurin Klara Rabl und der Autor Marc Carnal "Das Zigarettenreich (Jeder Traum hat ein Ende)" zur Uraufführung bringen, das als Antithese zum vorangegangen Stück "Feed the Troll" (2020) verstanden wird. Im Mittelpunkt steht die Frage, wohin eigentlich all die Männer verschwinden, die "nur mal schnell Zigaretten holen" gehen und nie mehr zurückkehren. Ausgangspunkt für das Stück war eine Passage in Clemens Setz' Roman "Indigo", wie Carnal erläuterte. Der Grazer habe seine Einwilligung gegeben, die nur kurz angerissene Idee zu einem eigenen Stück zu machen. Versprochen wird "ein Brückenschlag zwischen Comic und Klaustrophobie".

Eine weibliche Coming-of-Age-Geschichte feiert am 12. Mai Premiere: "Trümmerherz" von Bernhard Bilek begibt sich dabei auf die Spuren seiner mit knapp 90 Jahren gestorbenen Großmutter und erzählt von einem "Wiener Mädel aus einer matriarchalischen Arbeiterinnenfamilie vor dem Hintergrund der österreichischen Nachkriegszeit". Regie führt Martina Gredler, sie verspricht eine "sehr körperliche Darstellung mit Livemusik". Endlich auf die Bühne kommen soll - nach coronabedingten Verschiebungen - auch die Dramatisierung von Doris Knechts Roman "Gruber geht" durch das Theater KuKuKK. Wien-Premiere in der Regie von Sarah Rebecca Kühl ist am 1. Juni. Verschoben werden musste auch die Uraufführung von "Frühlings NEUerwachen" nach Frank Wedekind: Die Inszenierung von Anna Erdeös soll ebenfalls im Juni stattfinden.

Ein sehr komplexes Vorhaben ist "Asyl Tribunal - Klage gegen die Republik" des Theaterkollektivs Hybrid. An fünf Abenden inszeniert der iranische Schauspieler und Regisseur Alireza Daryanavard einen Gerichtsprozess im öffentlichen Raum. Im Zentrum stehe die Frage, ob das Zitat "Ein Rechtsstaat bleibt ein Rechtsstaat" von Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) auch im Bereich der Asylpolitik seine Richtigkeit behalte. Unter engem Kontakt mit Rechtsanwälten werde versucht, "illegale Schleichwege und Gesetzeslücken zu finden", so der Regisseur. Der Eintritt ist frei, derzeit versucht man auch noch, die Übersetzung in mehrere Sprachen zu ermöglichen, um Barrieren abzubauen. Am Ende des Prozesses hofft er auf "ein Urteil über die Republik".

Im Herbst erwartet die Werk X-Besucher am Petersplatz unter anderem noch "The Power of the fucking Rainbow" des Kollektivs Piercéd Heart (Premiere: 22. September), ein Musical von Johannes Schrettle und Imre Lichtenberger Bozoki ("Horses", 15. Oktober) sowie "The Secred Bubble" des Kollektivs Nestbeschmutzer & Innen (Premiere: 7. Dezember). Drei der Stücke werden auch im Rahmen von "InstaWalks" begleitet, in denen fotoaffines Publikum exklusive Zugänge zu den Produktionen erhalten und mit einer Fremdenführerin für das Theater relevante Stationen in der Wiener Innenstadt erkunden.

Rückblickend sei man "mit einem blauen Auge" durch die Corona-Krise gekommen, wie Anhaus auf Nachfrage sagte. Das sei vor allem der Unterstützungsleistungen durch die öffentliche Hand zu verdanken. Nun gelte es, das Publikum wieder zu erreichen und auch die Bar im Foyer sucht noch einen neuen Pächter.

(S E R V I C E - Infos unter https://werk-x.at/werk-x-petersplatz/)

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