Kultur

Wiener Bühne TAG startet mit "Ödipus" als Kriminalkomödie

In der letzten "normalen" Saison 2018/19 hatte das Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) 256 Veranstaltungen mit 15.468 Besuchern und Besucherinnen. 2020/21 spielte man vorwiegend im Oktober 2020 und im Juni 2021 und konnte mit lediglich 66 Veranstaltungen 2.778 Menschen erreichen. Der künstlerische Leiter Gernot Plass beschönigt nichts: "Es war ein annus horribilis für alle Kulturschaffenden", sagt er im Gespräch mit der APA.

Das Wiener "Theater in der Gumpendorfer Straße" SN/APA/TAG
Das Wiener "Theater in der Gumpendorfer Straße"

Für die im TAG am 2. Oktober startende neue Saison gilt: Es kann nur besser werden. "Wir wissen zwar auch dieses Jahr nicht, was uns noch droht, aber wir tun so, als würde sich alles entspannen und wir gut durch den Winter kommen. Aber unsere Realität ist die jeweilige Verordnung." Im Moment gilt 3-G-Regel, Maskenpflicht und Vollbelegung. Das kann jederzeit wieder anders werden. "Von der Politik wünsche ich mir Pragmatismus und Deutlichkeit. Ich habe persönlich kein Problem mit einer klar kommunizierten und kontrollierten 1-G-Regel für alle Indoor-Orte, an denen Menschen zusammenkommen - am besten geimpft und getestet", meint Ferdinand Urbach, der kaufmännische Geschäftsführer. Ob mit oder ohne Restriktionen: Das Publikum habe dem TAG die Treue gehalten, sagt er. Die Auslastung habe sich kaum verändert und lag im Jahr 2020 bei über 78,4 Prozent.

"Ohne Corona ginge es uns gut", versichert Plass. Die Leitungsverträge wurden bis 2025 verlängert, jene des Ensembles bis 2023. Niemand musste entlassen werden, im Frühjahr 2021 wurde erstmals um Kurzarbeit angesucht. Bisher wurde die Bühne mit 900.000 Euro von der Stadt Wien und 20.000 Euro vom Bund subventioniert. Urbach: "Finanziell haben wir 2020 einen guten Jahresabschluss erzielt. Eine Punktlandung mit Ach und Krach dank staatlicher Hilfe und präziser Notfall-Planung. Die ausgeschütteten Hilfsgelder lagen bei 63.000 Euro und haben so rund die Hälfte unseres Einnahmenverlustes ausgemacht. Die andere Hälfte konnten wir durch Einsparungen erreichen - in erster Linie im Marketing, aber auch durch das Verschieben einer Produktion, Streichen einer Produktion oder Reduktion der Energiekosten."

Für das laufende Jahr werde entscheidend sein, ob "die Stadt Wien zu Ihrer Fördervereinbarung steht und die Subventionen in voller Höhe ausbezahlt, auch wenn wir die entsprechenden Kennzahlen aufgrund der Pandemie nicht liefern können". Oder, wie es Plass in seiner Einführung zu den heute, Donnerstag, veröffentlichten Spielzeitvorhaben ausdrückt: "Wir schauen optimistisch in die Zukunft und planen wieder. Die öffentliche Hand ist milde, versorgt uns mit Impfstoff, also der nötigen Liquidität, und drückt bei der Eigendeckung ein Auge zu. Sehr nobel."

Gestartet wird am 2. Oktober mit "Ödipus" als Kriminalkomödie. Dabei hat man mit dem Bearbeiter- und Regie-Duo Kaja Dymnicki und Alexander Pschill Kollegen vom Bronski & Grünberg-Theater engagiert. "Sie überschreiben wie wir klassische Stoffe - nur flapsiger, Woody-Allen-artiger. In der Produktion flechten wir zwei Theaterfäden zu einem Zopf zusammen", erklärt Plass. Die Interpretation von Ödipus als Partycrasher wird äußerst personalintensiv: Mit acht Darstellerinnen und Darstellern gelangt man an den absoluten Plafond der Möglichkeiten.

Im Oktober und November folgen nach dem 9. Improv-Festival Wiederaufnahmen von Susanne Draxlers "Fahrenheit 451"-Version, "Wer hat Angst vor Viriginia Woolf?" in Susanne Lietzows Regie ("Das waren beides sehr erfolgreiche Produktionen.") und Plass' eigener Arbeit "Ich, Galileo". Im Jänner bringt man dann die zweite Neuproduktion. Sina Heiss stellt in "Die Überflüssigen" entlang der Vorlage von Tschechows "Iwanow" alte Sinnfragen neu. Etwa: Lassen wir wirklich alles mit uns machen? Oder: Warum spielen wir noch? Im Februar kommt endlich Bernd Liepold-Mossers "Cyborg Sandmann" nach E.T.A. Hoffmann heraus, eine Produktion, die in der Vorsaison noch vor der Premiere auf Eis gelegt werden musste.

Im Mai inszeniert erstmals Georg Schmiedleitner im TAG. Er nimmt "Glaube Liebe Hoffnung" zum Ausgangspunkt für ein Horváth-Projekt, das laut Ankündigung von Entmenschlichung erzählen will, in einem "Abend, der tief hineinlangt in die Abgründe der Gesellschaft und die sozialen und politischen Mechanismen unserer Zeit mit Figuren und Texten aus dem Horváth-Repertoire bloßlegt". Zu den Gastproduktionen der kommenden Saison zählen die Uraufführung von "Ein bescheidener Vorschlag" von Hannelore Schmid und Thomas Toppler (ab 17. März) und ein Elfriede-Gerstl-Abend von Johanna Orsini-Rosenberg und Martina Spitzer (Premiere: 21. Mai).

Für Plass selbst beginnt die Spielzeit 2021/22 freilich im Theater Baden-Baden. Zum 200. Geburtstag Dostojewskijs bringt er in "einem der schönsten Theatergebäude Deutschlands" (Eigenwerbung) am 10. September seine Dramatisierung des Romans "Verbrechen und Strafe" heraus. Auch in Deutschland steigen bekanntlich die Inzidenzen. Doch der Theatermacher hofft unerschütterlich auf eine Wiederkehr der Normalität. Früher oder später. "Wir sind guter Hoffnung und halten den Ball flach."

(S E R V I C E - www.dastag.at)

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