Kultur

Wiener Festwochen 2019: Fenster öffnen, Welt sehen

Das sind die neuen Wiener Festwochen: Ab 10. Mai gibt es 45 Produktionen, darunter 10 Uraufführungen, von 430 Künstlern aus 19 Ländern. An 27 Spielorten in elf Bezirken sind 281 Vorstellungen angesetzt, für die 45.000 Karten aufgelegt werden.

Der neue Leiter der Wiener Festwochen, Christophe Slagmuylder. SN/APA/HANS PUNZ
Der neue Leiter der Wiener Festwochen, Christophe Slagmuylder.

"Die Wiener Festwochen sind ein Ort für multidisziplinäres künstlerisches Schaffen: visionär und gleichzeitig mit Geschichte vertraut, international und in der Stadt Wien verankert." Mit derartigen, gut brauchbaren Worten, gleichsam als Motto für alles und alle, stellte Christophe Slagmuylder, der aus Belgien stammende neue Intendant der Wiener Festwochen, am Donnerstag sein erstes Festivalprogramm vor.

Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler (SPÖ) war "overwhelmed", auch wenn man bedenke, dass Slagmuylder erst seit knapp zehn Monaten im Amt sei und die Vorbereitungen dementsprechend knapp gewesen waren. "Das war eine Überraschung für alle, auch für mich. Wenn ich ehrlich bin, war es nicht immer eine leichte Aufgabe. Ich habe aber gelernt, dass man auch in sehr wenig Zeit sehr viel schaffen kann." Er habe auch gelernt, spontan zu sein und dies nicht nur als Beschränkung, sondern auch als große Inspiration empfunden. Sein erstes Festivalprogramm sei "ein erster Entwurf, ein Beginn. Es repräsentiert aber das, wofür ich stehe. Viel Arbeit, viele Ideen liegen noch vor uns."

Slagmuylder musste die Agenden deshalb kurzfristig übernehmen, weil Tomas Zierhofer-Kin nach nur zwei Jahren überraschend zurückgetreten war. Seine beiden dezidiert avantgardistisch ausgelegten Ausgaben haben heftig polarisiert. Slagmuylder, der langjährige Leiter des Brüsseler "kunstenfestivaldesarts", bringt einschlägige Erfahrungen als Festspielkurator mit. Sein ursprünglich mit einem Jahr befristeter Verlag wurde inzwischen bis 2024 verlängert. Er will die Wiener Festwochen auf seine Art politisch positionieren. "Bei den Wiener Festwochen kann man Visionen erleben, die Offenheit und Neugierde auf das scheinbar Fremde und Unbekannte fördern. Das Festival versucht ein Gegenmittel für jede Form von Selbstüberhebung zu sein, für jeglichen Reflex von Konservatismus, für die Tendenz, das zu schützen, wovon wir Angst haben, es zu verlieren", schreibt Slagmuylder im Programmbuch. "Um der Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken, behaupten die Festwochen, dass es sich lohnt, die Fenster zu öffnen, die Welt zu sehen."


Die Festival-Eröffnung am 10. Mai findet wie immer auf dem Wiener Rathausplatz statt, doch am Eröffnungswochenende soll in Wien-Donaustadt als Bezirk mit dem höchsten Bevölkerungswachstum, niedrigem Durchschnittsalter und geringer kultureller Infrastruktur "erkundet werden, welche Bedeutung einem Stadtfestival zukommen kann". Kernstück ist die fünfeinhalbstündige Aufführung von "Diamante" des argentinischen Regisseurs Mariano Pensotti. Die im August 2018 bei der Ruhrtriennale uraufgeführte Arbeit über Bau und Niedergang einer paradiesischen Musterstadt findet in der Eissporthalle Erste Bank Arena statt. Dazu kommt eine Reihe von künstlerischen Projekten im öffentlichen Raum, die nach dem ersten Wochenende teilweise in andere Stadtteile weiterziehen.


Im Festwochen-Programm 2019 finden sich Arbeiten bekannter und in der Szene bestens eingeführter Namen: von Performance-Künstlerin Angelica Liddell ("The Scarlet Letter"), Krystian Lupa (der Pole zeigt einen über fünfstündigen "Proces" nach Kafka) oder Milo Rau ("Orest in Mossul"). Romeo Castellucci, dessen sensationelle Salzburger Festspielinszenierung der Oper "Salome" heuer wiederaufgenommen wird, zeigt seine neue Produktion "La vita nuova" sowie seine Arbeit "Le Metope del Partenone", bei der plötzliche Schicksalsfälle zu Skulpturen im Raum werden. Der hoch gehandelte junge Regisseur Ersan Mondtag bringt in Koproduktion mit dem Berliner Gorki-Theater Sibylle Bergs "Hass-Triptychon" zur Uraufführung. Der Schwede Markus Öhrn untersucht in "3 Episodes of Life" Missbrauchsfälle im beruflichen Umfeld und zeigt zudem seine Installation "Bergman in Uganda".


Gleich nach der Premiere in Paris kommt "Mary Said What She Said" nach Wien, eine neue Zusammenarbeit von Regisseur Robert Wilson, Schauspielerin Isabelle Huppert und Autor Darryl Pinckney. Der thailändische Filmemacher Apichatpong Weerasethakul zeigt im Theater an der Wien mit "Fever Room" sein erstes Projekt für einen Bühnenraum.


Die lange Liste der Eingeladenen umfasst aber nicht nur große, bekannte Namen, sondern auch viele aufstrebende oder für Wien neue Künstler, die unter anderem im Hamakom Theater präsentiert werden, das Slagmuylder einen "Edelstein" nannte. Spielorte sind außer den angestammten Museumsquartier-Hallen auch das Volkstheater, das Schauspielhaus oder das Studio Molière.

Viel Wert legt der neue Intendant auf Genre-Überschreitungen, wie sie etwa der Ungar Bela Tarr in "Missing People" bietet, einer Mischung aus Film und Installation mit Livemusik.


Musik spiele überhaupt eine wichtige Rolle in seinem Programm, sagte der Intendant und verwies etwa auf Christian Fennesz, der sein neues Album "Agora" vorstellt, und auf "alternative Formen von Oper", wie etwa von David Marton ("Narziss und Echo"). Besonderes Augenmerk käme der "Suite n.3 - Europe" der französischen Gruppe Enycyclopédie de la parole zu, die im Akademietheater ein Art Liederabend "in allen Sprachen, die in der Europäischen Union gesprochen werden", zeigen. Material für dieses "heutige Porträt des europäischen Kontinents" bieten Jobinterviews, Verschwörungstheorien oder Schimpftiraden.


Musik und Tanz verbinden sich bei Anne Teresa De Keersmaekers Verarbeitung von Bachs Brandenburgischen Konzerten, François Chaignauds und Marie-Pierre Brébants Interpretation der Melodien von Hildegard von Bingen und Marcelo Evelins "physischem Kontrapunkt zu Schubert".

Nur zwei Produktionen habe er von seinem Vorgänger Tomas Zierhofer-Kin übernommen, erklärte Slagmuylder. Eine im Programmbuch enthaltene Produktion musste gestrichen werden: Künstler, die am NT Gent mit Faustin Linyekula die Produktion "Histoire(s) du Theatre II" erarbeiten sollten, bekamen von den belgischen Behörden keine Visa.


Einen Tag vor Eröffnung der Festwochen wird der US-Historiker Timothy Snyder auf dem Judenplatz "Eine Rede an Europa" halten. Initiiert von der Erste Stiftung soll künftig stets am Europatag der Europäischen Union (9. Mai) eine öffentliche Vorlesung am Judenplatz abgehalten werden.


Obwohl 2019 um die Hälfte mehr Produktionen und auch um 10.000 Karten mehr angeboten werden als im Vorjahr, sei das Budget laut Geschäftsführer Wolfgang Wais mit 12,6 Mill. Euro (davon 10,6 Mill. Euro von der Stadt Wien) nahezu gleich geblieben. "Wir sind guter Hoffnung, uns in diesem Jahr wirtschaftlich besser aufstellen zu können", sagte Wais.


Wiener Festwochen: 10. Mai bis 16. Juni 2019. Kartenbestellungen können ab sofort abgegeben werden, der Kartenverkauf startet am 28. März. www.festwochen.at

Quelle: SN

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