Kultur

Wiener Freud Museum beleuchtet das Surreale

"Was macht unsere Wirklichkeit aus?" Diese zentrale Frage eint Psychoanalyse und surrealistische Bewegung. Insofern liegt eine Verschränkung beider großer Bewegungen in einer gemeinsamen Schau nahe, wie es bereits das Belvedere mit seiner laufenden Ausstellung "Dalí - Freud" unter Beweis stellt. Nun ist der Surrealismus auch in der Gralsburg der Psychoanalyse, dem Sigmund Freud Museum, angekommen. "Surreal!" heißt die neue Schau, die Gleichklang und Dissonanzen offenbart.

In elegantem Grün erblühen die surrealistischen Welten SN/APA/Sigmund Freud Museum/Oliver
In elegantem Grün erblühen die surrealistischen Welten

"Vorstellung neuer Wirklichkeiten" lautet dazu der Untertitel, der sich vom ursprünglich intendierten Bezug auf das Begehren gelöst und angesichts der rezenten Pandemie- und Kriegserfahrungen entwickelt habe, unterstrich Museumsdirektorin Monika Pessler bei der Präsentation am Mittwoch: "Der Blick auf die Vergangenheit wird durch unsere Gegenwart geschärft."

Den Schleifstein zur Blickschärfung stellen rund 100 Gemälde und Skulpturen aus der Sammlung von Helmut Klewan dar, die der Galerist dem Haus zur Verfügung stellt. "Für mich gäbe es keinen besseren Platz auf der Welt, als gerade beim Freud meine Sammlung zu zeigen", unterstrich der 78-Jährige die Bedeutung des Standortes Berggasse 19.

An diesem finden sich nun dichtgehängt vor dunkelgrünem Hintergrund - eine Reminiszenz an eine von Friedrich Kiesler einst dergestalt kuratierte Surrealistenschau - Arbeiten von Giorgio de Chirico, Meret Oppenheim, Paul Delvaux, Man Ray, Max Ernst oder Salvador Dalí. So divers die Namen der 50 Kunstschaffenden, so divers auch die Qualität und Ausführung der Arbeiten, die von Ölgemälden über Zeichnungen, von Bronzeskulpturen bis zu Radierungen reichen. Flankiert werden diese von (Zeit-)Schriften der Surrealisten, in denen auch Freud - teils mit seinen kritischen Repliken - abgedruckt wurde. Eine Freiheit, die sich das Freud Museum vielleicht mehr nehmen kann, als das klassische Kunstmuseum.

So liegt der Fokus auch auf einem anderen Schwerpunkt. Es geht viel mehr um Verbindungsstränge und Korrelationen, Unterschiede und Gegenläufiges in dieser Schau. "Für Freud spricht das Unbewusste immer nur entstellt, in verkleideter Form", so Kuratorin Daniela Finzi. Für die Surrealisten ist es hingegen der zentrale Bezugspunkt schlechthin. Betrachtete Freud das Folgen des Triebs als Irrweg, treibt die Surrealisten dieser als Maxime an; stellt Freud Ratio in den Vordergrund, wollen die Surrealisten die "Befreiung" des Unbewussten.

Einig sind sich Freud und André Breton als Gründungsvater des Surrealismus, der den Gottvater der Psychoanalyse 1921 in der Berggasse besuchte und mit ihm in Briefkontakt blieb, dass das Begehren zentraler Antrieb der Menschheit ist. Und doch: "Was sich Freud wohl nie hätte träumen lassen, ist, dass in seinem Wohn- oder Esszimmer surrealistische Kunst gezeigt wird", so Monika Pessler.

(S E R V I C E - "Surreal! Vorstellung neuer Wirklichkeiten" im Sigmund Freud Museum, Berggasse 19, 1090 Wien von 5. Mai bis 16. Oktober, dienstags geschlossen. www.freud-museum.at/de/surreal-vorstellung-neuer-wirklichkeiten)

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