Kultur

Berlinale: Politik produziert Fragen

Intimes und Verlogenes hat Saison im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale, und anlässlich der Flüchtlingskrise wird es im Kino märchenhaft.

Aki Kaurismäkis neuer Film „The Other Side of Hope“ um einen Flüchtling überrascht bei der Berlinale. SN/stadtkino
Aki Kaurismäkis neuer Film „The Other Side of Hope“ um einen Flüchtling überrascht bei der Berlinale.

Oft funktioniert ein Filmfestival für seine Besucher als traute Filterblase - mit Kino von früh bis spät und ansatzlosem Eintauchen in Biografien und Welten anderer Menschen. Doch die Berlinale 2017 taugt nur bedingt zum Eskapismus. Noch in den überraschendsten Zusammenhängen sickert die Welt politik in Gespräche, etwa beim Interview mit Oren Moverman, dem Regisseur von "The Dinner" mit Richard Gere und Laura Linney, der sagt: "Eigentlich ist das ein Film über Trump-Amerika, weil es ein Film über Geisteskrankheit ist."

In "The Dinner" treffen sich zwei verschwägerte Paare, weil ihre Söhne gemeinsam an einem Verbrechen beteiligt waren, um zu beraten, wie damit umzugehen ist. Doch tatsächlich verhandelt der Abend Weltanschauungen und moralische Fragen und Familienkonstellationen und setzt sie mit der amerikanischen Geschichte in Beziehung.

Ein ähnliches Sujet hat der Film "The Party" der Britin Sally Potter. Sie ist die dritte von vier Regisseurinnen im Wettbewerb, und ihr Film hinterlässt den bisher stärksten Eindruck: Schärfer, konsequenter und witziger als Oren Moverman nutzt sie die Konvention des gesellschaftlichen Dinners, um Verletzlichkeiten und Lächerlichkeiten offenzulegen und die Eitelkeiten jener Menschen zu entlarven, die sich selbst als politisch links wahrnehmen. Nach knapp 70 Minuten ist es dann auch schon wieder vorbei, mit einem brillanten Cast, der unter anderem Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz, Timothy Spall und Patricia Clarkson vereinigt.

Kristin Scott Thomas spielt in "The Party" eine Politikerin, die soeben zur Gesundheitsministerin ernannt wurde und das mit Freunden feiern möchte. Der Dreh des Films im vergangenen Sommer, konzen triert in nur zwei Wochen, war akzentuiert vom Ergebnis des Brexit-Referendums, und die Schauspielerin, die privat und beruflich seit Jahrzehnten zwischen England und Frankreich pendelt, sagt im SN-Interview: "Viele haben geweint. Und offen gestanden, ich habe keine Ahnung, wie es nun weitergeht." Sally Potter hatte das Drehbuch 2015 zu schreiben begonnen, doch die Konflikte scheinen aktuelle politische Entwicklungen vorwegzunehmen. "Wir als Künstlerinnen und Künstler haben die Verantwortung, auf die Welt zu reagieren. Natürlich ändert ein Film nichts. Aber wenn ich die Menschen zum Lachen bringe, bringt das Erleichterung. Und damit kann ich auch Mut machen", sagt die Regisseurin Sally Potter.

Überraschend, wie aus der Zeit gefallen, wirkt Aki Kaurismäkis Wettbewerbsbeitrag "The Other Side of Hope" (ab Freitag nächster Woche in den Kinos), obwohl er ein Schicksal schildert, das jetzt spielt. Es ist der zweite Film, in dem Kaurismäki von einer Hafenstadt und einem Flüchtling erzählt - nach "Le Havre" um einen jungen Containerflüchtling (2011). Hier ist es der syrische Mechaniker Khaled (Sherwan Haji), der seine Schwester sucht und auf der Flucht vor litauischen Neonazis auf einem Kohlenfrachter und dann irrtümlich in Finnland gelandet ist. Nach einem langwierigen, frustrierenden Asylverfahren, das seine Reise und seine Herkunft offenlegt, kommt er dann mit Hindernissen doch an, auch wenn ihn wiederum Neonazis bedrohen.

Aber Aki Kaurismäki erzählt halt doch schrullige, herzerwärmende Märchen, im letzten Moment kommt eine Gruppe Hinkender und Obdachloser und verteidigt die europäische Idee einer menschlichen Gemeinschaft gegen die Schläger. Es sind dieselben Neonazis, die in Kaurismäkis "Der Mann ohne Vergangenheit" (2002) noch siegreich waren. Ein ehemaliger Hemdenvertreter, der ein Restaurant übernimmt, bietet Khaled Unterschlupf. Und in tristen Bars und an schmutzigen Straßenecken stehen Musiker und spielen finnischen Tango. Jede Szene ist ausgeleuchtet wie ein Retro-Möbelkatalog, alle rauchen und trinken Bier, und die Weltpolitik rückt weit weg.

Quelle: SN

Aufgerufen am 26.09.2018 um 02:54 auf https://www.sn.at/kultur/berlinale-politik-produziert-fragen-365407

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