Bildende Kunst

Das Kunsthistorische Museum lädt ein: Auf nach Venedig!

Oder reisen wir lieber nach Bologna, Parma, Rom oder noch weiter in den Süden? "Darf ich Sie zu einer ganzen Europa-Tour einladen?", erwidert darauf der Direktor der Gemäldegalerie im Kunsthistorischen Museum, Stefan Weppelmann.

Detail aus „Dogana in Venedig“, gemalt von Antonio Canal, genannt Canaletto, um 1724/30. SN/khm-museumsverband
Detail aus „Dogana in Venedig“, gemalt von Antonio Canal, genannt Canaletto, um 1724/30.

Wieder das Meer riechen! Ach, wieder in den Süden! Noch lange nicht wird dies so leicht wie früher möglich sein. Trotzdem kann man sich am heutigen Samstag wieder auf die Inselspitze in Venedig begeben, die Punta della Dogana, wo das Wasser leise klatscht und man hinüber auf die Giudecca schaut. Unternimmt man diesen Ausflug im Kunsthistorischen Museum in Wien vor dem Gemälde, das Canaletto vor etwa 300 Jahren topografisch exakt gemalt hat, kann man auch durch die Zeit reisen: zu Segelschiffen und zum Warenumschlag an der hier einst gelegenen Zollbehörde - italienisch: dogana.

Was sonst gibt es von Venedig in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums (KHM) zu erleben, die ab Samstag wieder öffnet? "Wenn wir über die Alpen gehen, könnten wir auch nach Bologna, Rom und in die Barockzentren bis Neapel", erwidert Stefan Weppelmann, Leiter der Gemäldegalerie. Das Interesse der Habsburger habe dem italienischen Barock gegolten, nirgendwo sonst außerhalb Italiens gebe es davon einen so großen, konsistenten Bestand wie im KHM, insbesondere an caravaggesker Malerei.

Zum einen ist im Gespräch mit dem Kunsthistoriker dessen Begeisterung für alles zu vernehmen, was unter seiner Obhut steht. Zum anderen stellt er fest: Ein Rundgang durch diese Bilderwelt sei ein Rundgang durch Europa. Während uns Brexit und Grenzschließungen Sorgen machten, sei hier ein grenzenloses Flanieren und - bei stillem Betrachten praktisch ohne Virusgefahr - ein "Zusammenkommen in Europa" möglich.

Aber wo sind Briten? Ja, englische Malerei sei ein Stiefkind in der Sammlung, da englische Barockmalerei extrem selten sei, gesteht Stefan Weppelmann. Das einzige Gemälde von Thomas Gainsborough sei derzeit nicht ausgestellt, nur die "Bildnisstudie einer jungen Dame" von Joshua Reynolds sei zu sehen. Aber auch Sir Anthonis van Dyck, zeitweise Hofmaler in London, passt zu England. Dessen Bilder sind gleich in mehreren Sälen - bei den Landschafen des flämischen Barock oder in der Nähe von Rubens' "Pelzchen" und dessen "Frierende Venus", die ein außergewöhnlicher Gast ist: Weil das Kunstmuseum in Antwerpen noch geschlossen ist, kann diese Leihgabe auf vorerst unbestimmte Zeit in Wien prangen.

Tatsächlich sind es die Alpen, die die beiden Flügel der Galerie trennen. "Man beginnt den Besuch je nachdem, ob man nördlich oder südlich der Alpen verreisen will", sagt Stefan Weppelmann. Entweder fängt man in Saal 7 mit Neapel an und geht weiter zu Caravaggio nach Rom und zu den Spaniern. Oder man steigt in der nordalpinen Kunst in Saal 15 ein: von Dürer, Cranach, Burgkmair und Donauschule weiter zur flämischen Malerei. Den Saal 10 mit elf Gemälden Pieter Bruegels (das zwölfte wird restauriert) hebt Weppelmann hervor: So wie jetzt werde man diesen weltweit einzigartigen Bruegel-Bestand kaum sehen. Dieser touristische Hotspot des Museums wird in den nächsten Wochen ohne Reisegruppen sein. "Das gehört jetzt den Österreicherinnen und Österreichern."

Egal ob durch Süden oder Norden, "beide Wege führen zu Tizian", sagt Stefan Weppelmann. Also doch nach Venedig! Viele Meisterwerke Tizians seien in Saal 8 "in neuer Pracht und neu beleuchtet". Den Raum dominiert das "Ecce homo"-Gemälde: Christus wird vor den unschuldig tuenden Pilatus gezerrt. Der Saal 8, sonst für Sonderausstellungen genutzt, ist nun in die Dauerausstellung eingebunden. So werde erstmals seit Langem der Besuch der Sammlung wieder "ein veritabler Rundgang", sagt Stefan Weppelmann. Saal 8 ist frei, da die neue Beethoven-Ausstellung in den Sälen 1 bis 4 aufgebaut wird. Deren Eröffnung musste wegen Corona auf September verschoben werden.

Canalettos Bild der Dogana ist eine der wenigen Veduten der Gemäldegalerie. Dass sich ein Reisegefühl trotzdem einstellen kann, schildert Stefan Weppelmann so: Aus Gemälden erfahre man viel über die Eigenart der Menschen in jeweiligen Ländern. Auch an Lichtstimmungen oder an der Art von Genreszenen sei erkennbar, ob ein Bild spanisch, italienisch oder flämisch sei. "Man muss sich natürlich Zeit nehmen und auf ein Kunstwerk einlassen, um das zu erspüren."

Gemälde seien dreidimensional, nicht nur wegen des Rahmens, betont Stefan Weppelmann. Sie hätten starke Leuchtkraft. Sie seien "wie Gesichter, die jetzt wieder zu sehen sind". Digitale Abbilder könnten dies nicht ersetzen. Die während der Coronaschließung entfalteten Möglichkeiten im Digitalen seien schön, "aber es ist unfassbar viel berührender, wenn man das Original sieht."

Pay as you wish: Bis 30. Juni überlässt es das Kunsthistorische Museum seinen Besuchern, den Eintrittspreis selbst zu bemessen.
Jahreskarte: Alle von 30. Mai bis 31. August gekauften Jahreskarten sind vierzehn Monate gültig, also zwei Monate länger als üblich.

Öffnungsplan des Kunsthistorischen Museums:

  • Ab 30. Mai
    sind täglich von 10 bis 18 Uhr die Gemäldegalerie und das Café-Restaurant in der Kuppelhalle geöffnet. An Wochenenden sowie Feier-und Fenstertagen sind zudem Ägyptisch-Orientalische Sammlung und Saliera in der Kunstkammer offen.
  • Ab 2. Juli
    öffnen in Wien Weltmuseum und Ephesos Museum in der Neuen Burg, die Kaiserliche Wagenburg in Schönbrunn sowie in Innsbruck Schloss Ambras.
  • Ab 2. September
    Schatzkammer im Schweizerhof der Wiener Hofburg.
  • Ab 1. Oktober
    das Theatermuseum sowie in der Neuen Burg die Hofjagd- und Rüstkammer und Sammlung alter Musikinstrumente.

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