Bildende Kunst

"Jedes Bild ist ein Fake, das liegt in seiner Natur"

Was ausschaut wie ein Schnappschuss, ist eine ausgeklügelte Inszenierung: Ein Moment wird auf 32 Minuten gedehnt.

Menschen bleiben stehen, um zu schauen: aus „The Quiet Shore“ von David Claerbout. SN/kunsthaus bregenz/markus tretter
Menschen bleiben stehen, um zu schauen: aus „The Quiet Shore“ von David Claerbout.

Vergehen, Verweilen und Vergänglichkeit sind Themen im Werk des belgischen Bildmedienkünstlers David Claerbout. Das Kunsthaus Bregenz (KUB) zeigt seine aufwendigen Arbeiten in der Sommerausstellung. "Fotografie als Glaubensmedium ist vorbei. Wir müssen ein neues Verhältnis zum Bild suchen", sagt der Künstler.

Mit der Fotografie passiere derzeit, was vor 200 Jahren mit der Malerei geschehen sei: Sie transformiere sich zu etwas anderem. "Als Analogie zur Realität ist sie vorbei", sagt der Künstler. "Und wir sollten aufhören, von Fake-Bildern zu sprechen. Denn jedes Bild ist Fake, das liegt in seiner Natur." Fotografie habe es immer geschafft, uns Vertrauen zu geben, "und das ist jetzt weg".

"The Quiet Shore" von 2011, eine Abfolge von Schwarz-Weiß-Bildern, zeigt auf einer riesigen Projektionsfläche einen einzigen auf 32 Minuten aufgedehnten Augenblick in einem bretonischen Küstenort bei Ebbe. Die Aufmerksamkeit der Menschen zentriert sich auf einen Moment, gezeigt aus verschiedenen Blickwinkeln: Ein Bub schlägt mit seinen Händen ins flache Wasser. Die sommerliche Szene werde für den Betrachter fast wie Kristall, "weil wir die Geduld haben, stehen zu bleiben", erläuterte der Künstler.

Die Idee sei ihm gekommen, weil ihn der wasserdurchtränkte Sand, der in der Sonne geglänzt habe, an "das Silber in der Geschichte der Fotografie" erinnert habe. Was wie Schnappschüsse wirkt, ist aber eine ausgeklügelte Inszenierung.

Das neueste Werk des 1969 im belgischen Kortrijk geborenen Künstlers referiert auf das "tausendjährige Reich" der Nationalsozialisten. "Olympia (The Real-Time Disintegration into Ruins of the Berlin Olympic Stadium over the Course of a Thousand Years)" besteht aus einem digital rekonstruierten Videorundgang, in dem das 1936 errichtete Berliner Stadion von 2016 bis 3016 in Echtzeit verfällt. Die Alterung des Stadions ist auf tausend Jahre berechnet, selbst Licht und Wetter sind einbezogen. Dass die Pflanzen die Hauptrolle übernehmen, sei an die Zeit gekoppelt, "mein großer Partner".

In seinen Fotos und Filmen sei er "Anti-Mensch", indem er den Menschen in den Hintergrund verweise und Gebäude und Pflanzen zeige. Und er sei "Anti-Auge", indem er das Außen ins Zentrum schiebe. Beides sei schwierig, denn im Filmbild stehe immer der menschliche Blick im Zentrum, sagt Claerbout.

In "Travel" (1996/2013) unternimmt der in Antwerpen und Berlin lebende Künstler mit den Betrachtern einen Waldspaziergang in einem schwarzen Würfel, der Licht und Geräusche ausschließt. Alles ist digital hergestellt, jedes Filmbild ist animiert. Das Werk entwickelt eine hypnotische Kraft - es passiert eigentlich nichts, denn der Künstler verweigert sich dem Narrativen. "In dieser Arbeit kommen Euphorie und Enttäuschung zusammen", sagt Claerbout.

Mit dem Filmklassiker "Das Dschungelbuch" von 1967 befasst sich "Die reine Notwendigkeit" von 2016. Anders als im Original tanzen die Tiere nicht, sondern sie zeigen ihr arttypisches Verhalten. Basierend auf Studien und Naturdokumentationen wurden die Einstellungen im Stil des Animationsfilms nachgezeichnet. "Mein Studio ging fast daran bankrott", bekannte Claerbout. In Bregenz werden Balu & Co. jeden Abend ab 21 Uhr auf die Außenfassade projiziert.
Ausstellung: "David Claerbout", Kunsthaus Bregenz bis 7. Oktober.

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