Bildende Kunst

Personale "Attersee. Feuerstelle." im Belvedere 21

Seine Entwürfe für Schönheitsoperationen zieren als Tapete schon den Stiegenaufgang, seine poppige Plakatwelt wird von Vitrinen mit "Atterbesteck" und charakteristisch dekoriertem Teeservice gesäumt, ein Audioraum lädt zum Entdecken von Attersee, dem Musiker. Die neue Personale im Obergeschoß des Belvedere 21 erklärt Christian Ludwig Attersee anhand seines Frühwerks zum Vorreiter von Instagram.

Christian Ludwig Attersee bei der Presseführung SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Christian Ludwig Attersee bei der Presseführung

Zu sehen ist "Attersee. Feuerstelle." von Freitag bis 18. August (Mittwoch bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Mi und Fr bis 21 Uhr; Infos unter www.belvedere21.at). Kein Detail des Lebens ist davor gefeit, in den Attersee getunkt zu werden, um daraus mit prallbunter, ironisch verklärter Oberfläche und leicht degustierbarem Bedeutungszuwachs wieder aufzutauchen.

Betitelt ist die Schau nach einer Arbeit aus 2011, die ein Foto aus 1968, ein Selbstporträt in androgyner Erotik, in sich verwebt. Während der Künstler Attersee (78) wegen seines Plakats für das Semmering-Rennen erst vor kurzem in die Kritik geraten war, wirken Vorwürfe weiblicher Objekt-Degradierung durch eine nackte Skifahrerin im Kontext der Ausstellung zumindest anachronistisch: Als erotisches Objekt inszenierte der eitle junge Attersee vor allem sich selbst, Objekte degradiert er nicht, sondern wertet sie auf, und macht vor dem menschlichen Körper als Fläche für seine "entgrenzte Malerei" genauso wenig halt, wie vor Alltagsgegenständen.

Es sei eine Ausstellung über die "Atterseeisierung der Welt", sagte Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig bei der Pressekonferenz am Donnerstag und sie mache den Versuch, "den bekanntesten Maler Österreichs" vom Schleier seiner eigenen Prominenz zu befreien. Fast erstaunt zeigte sich der Künstler, "dass sich so viele scheinbar doch für mein Werk interessieren und nicht nur für meine Person". Es sei sein Wunsch, "als Künstler im Schatten meines Werks" zu stehen. Der museale Prüfstand des "unüberschaubar großen Werks" macht's möglich. Kuratorin Britta Schmitz konzentrierte sich mit den 250 Exponaten vor allem auf die 1960er-Jahre, als "Zeitreise, die in die Gegenwart führt". Viele Arbeiten sind kaum bekannt, manche wurden erst jetzt - basierend auf 50 Jahre alten Entwürfen - produziert. "Attersee machte vieles schon lange, bevor es Kunstwelt als Kategorie erfand." Malerei, das war ihm von Anfang an auch: Produktdesign, war ihm sprachspielerische Titelerfindung, waren ihm Albumcover und Ausstellungsplakate als eigenständige Kunstwerke.

Dass Kunst, dass Inszenierung, dass Bildsprache als ständiger Träger von Image und Status, von Witz und Geschmack allgegenwärtig ist, hat die Generation Instagram natürlich verinnerlicht. "Doch was für uns heute vollkommen normal ist, war in der Kultur der 60er-Jahre mit ihrer konsumkritischen und schönheitsskeptischen Haltung ungewöhnlich", so Schmitz. Gleichzeitig qualifiziert vieles als klassische Pop-Art. Der Hundebüstenhalter im Comic-Stil, das Fingerfood mit den lackierten Fingernägeln , die bunten "Speisekugeln", die Attersees Essenskreationen ihre Würze verliehen.

Es ist ein Pop spezifisch österreichischer Prägung, was mit der Überlagerung durch die persönliche Prominenz des Malers durchaus im Einklang steht. Dieser Adabei-Status hat seine Arbeit freilich ebenso wie der schiere Umfang seines ständig weiterwachsenden Oeuvres viel an Gewicht gekostet. Eine museale, konsequent retrospektiv angelegte Aufarbeitung ist da ein wohltuendes Instrument zu Orientierung und Neubewertung. Eine kunsthistorische Ausleuchtung, die wenig verzeiht, selbst wenn sie dick aufträgt: Zu Schau und Katalog gibt es auch noch eine Sonderedition der "Torte mit Speisekugeln" und eine aufwendig gestaltete "Rampi Rampi"-Musikbox.

Quelle: APA

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