Bildende Kunst

SN-exklusiv: Galerie Ropac findet für legendären "Flaschentrockner" von Duchamp ein neues Heim

Abschluss einer Kunstsensation: Der Salzburger Galerist Thaddaeus Ropac vermittelt Marcel Duchamps "Porte-bouteilles" an das Art Institute of Chicago.

„Porte-bouteilles“ von Marcel Duchamp (Bildausschnitt).  SN/succession marcel duchamp/ g. steigelman
„Porte-bouteilles“ von Marcel Duchamp (Bildausschnitt).

Vor knapp eineinhalb Jahren war es die Sensation auf dem Kunstmarkt: Ein rares Stück des Jahrhundertkünstlers Marcel Duchamp kam auf den Markt. "Porte-bouteilles", ein Flaschentrockner, der den Kurs der Kunst radikal änderte. Seit Dienstag ist es offiziell: Der Flaschentrockner hat eine neue Heimat, das Art Institute of Chicago.

Eingefädelt hat den Deal Galerist Thaddaeus Ropac. "Wenn man zwei der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts nennen müsste, wäre Duchamp immer dabei", sagte Ropac am Dienstag im Gespräch mit den SN. Mit seinen Readymades, sprich der Erklärung von Alltagsgegenständen zur Kunst, vollzog Duchamp vor 100 Jahren einen Kulturwandel. Es konnte fortan gelten: Kunst ist, wenn der Künstler etwas dazu erklärt.

Von einem Rekordpreis ist die Rede

Die Entscheidung für das Art Institute of Chicago war schon vor Monaten gefallen. Allerdings "ist das freilich ein finanzieller Kraftakt" (Ropac). Den zu stemmen, hatte das Art Institute ein Jahr Zeit. Es wurden auch Werke der Sammlung verkauft, um den Duchamp erwerben zu können. "Es ist schon ein Rekordpreis für Duchamp", sagt Ropac. Über die genaue Summe aber ist Geheimhaltung vereinbart. Bei weitem nicht so legendäre Objekte aus Duchamps Oeuvre erzielten bei Auktionen Preise bis knapp zehn Millionen Dollar. Damit, so Experten, wird das Art Institute Chicago nicht ausgekommen sein.

Ropac war vom bisherigen Besitzer, der Rauschenberg Foundation, mit dem Verkauf betraut worden. Der Salzburger Galerist hatte eine lange Liste möglicher Käufer. Häuser in Europa, Asien, den USA und auch zwei in Südamerika waren darunter. Klar war aber von Anfang an, dass es in die USA gehen sollte, denn dort "war in Duchamps Kopf die Idee entstanden", sagt Ropac, und in Chicago passe das Objekt "perfekt in den Kontext", denn dort befinde sich "eine der bedeutendsten Sammlungen des 20. Jahrhunderts".

Das Readymade schrieb Kunstgeschichte

Drei Dollar wollte Marcel Duchamp einst für sein Werk haben. Robert Rauschenberg zahlte. So wechselte vor bald 68 Jahren ein Metallgestell den Besitzer; ein Gestell, das zum Trocknen von Flaschen benutzt wurde und den Lauf der Kunstgeschichte änderte. ",Porte-bouteilles' ist eines der wegweisenden Schlüsselwerke Duchamps", sagt Art-Institute-Direktor James Rondeau. "Wäre das Objekt auf den freien Markt gekommen, hätte die Foundation weit mehr Geld bekommen als beim Verkauf an ein Museum", sagt Ropac. Es sei bei der Suche nach einem neuen Besitzer aber auch darum gegangen, für "Porte-bouteilles" den "besten Platz" zu finden, damit das Objekt "künftig der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich ist".

Chicago-Direktor Rondeau ist begeistert: "Selten hat man die Gelegenheit, ein Objekt zu kaufen, das so deutlich den weitreichenden Einfluss eines Künstlers auf zukünftige Generationen verkörpert, unter anderem auf zahlreiche Werke, die Tag für Tag in unserem Museum bewundert werden können."

Zur Bedeutung des Werkes sagt Ropac, dass Duchamp mit seinen Readymades die Haltung, was Kunst sein könne, am radikalsten vollziehe. "Nicht einmal im Ansatz" habe das vor Duchamp jemand getan.

Duchamp sorgte für eine Kunstrevolution

Duchamp kaufte nach eigenen, später gemachten Angaben im Jahr 1914 "Porte-bouteilles" im Pariser Warenhaus Bazar de l'Hôtel de Ville. In seinem Atelier stand der Flaschentrockner neben anderen Banalitäten. Er signierte die Teile, stellte sie auf ein Podest und sie wurden Kunst. Keine Ausstellung, nichts davon dokumentiert - aber trotzdem eine nachhaltige Revolution.

Das Flaschentrocknergestell war der Urknall. In einem Brief von 1915 an seine Schwester Suzanne erwähnt Duchamp, damals schon in New York, in Zusammenhang mit dem Objekt das Wort "Readymade" erstmals. "Hier in New York habe ich Objekte desselben Stils gekauft und sie ,Readymades' genannt (...) Ich signiere sie und gebe ihnen eine Inschrift in Englisch. (...) Nimm für dich diesen Flaschentrockner. Ich mache aus ihm ein Readymade aus der Entfernung."

Für Ropac war der Verkauf ein "Hauptcoup"

"So etwas kommt nie auf den Markt", sagt Ropac. Oder fast nie. 2011 wurde Duchamps Parfümfläschchen "Belle Haleine - Eau de Voilette" (1921) für 7,7 Mill. Euro versteigert. Dass nun er - beauftragt von der Rauschenberg Foundation - als Verkäufer auftreten konnte, sei für den 57-jährigen Galeristen "ein Hauptcoup". Ja mehr noch: "Ein Geschenk." Allerdings eines, für das man einiges leisten muss.

Fünf Galerien wurden von der Rauschenberg-Foundation um Konzepte für den Verkauf gebeten. Monatelange gab es Meetings und Hearings. Ropac konnte einen besonderen Trumpf ausspielen. Er ließ das Objekt nämlich an den Ursprungsort Paris zurückkehren in einer Einzelausstellung vor einem Jahr - genau zum 100-Jahr-Jubiläum der Readymades.

Anders als frühere Werke, die - wie das auf einem Holzsessel montierte Fahrrad (Roue de Bicyclette, 1913) - noch collagenhaft waren, stellt "Porte-bouteilles" die reine Form des Readymade dar. Dazu kommt außerdem eine abenteuerliche Biografie.

Die Geschichte des Readymade

Der Flaschentrockner von Schwester Suzanne etwa tauchte nie auf. In den 1930er-Jahren erinnerte sich Duchamp daran und kaufte für sein tragbares Minimuseum "Schachtel im Koffer" einen neuen Flaschentrockner. Der wurde 1936 in der Pariser Galerie Charles Ratton ausgestellt. Man Ray bekam ihn, hat ihn aber wieder verloren. Schließlich ließ Duchamp Man Ray einen neuen kaufen, für eine Ausstellung in New York mit dem Titel "Art and the Found Object". Bei dieser Gruppenausstellung war 1959 auch Robert Rauschenberg eingeladen, zahlte die drei Dollar für das Stück, das nun - auch nach Rauschenbergs Tod im Jahr 2008 - nicht mehr verschwand.

Zum Übereinkommen zwischen der Galerie Ropac und der Rauschenberg Foundation gehörte neben der Suche nach einem Käufer auch eine umfangreiche Dokumentation über das Objekt. An der ersten Monografie über "Porte-bouteilles" arbeiteten weltweit Duchamp-Experten mit.

In der Pariser Ropac-Dependance Marais wurden "Porte-bouteilles" ausgestellt. Daneben gab es verschiedene - unverkäufliche - Exponate. Wie wichtig in Frankreich dieses Werk genommen wird, zeigt, dass ein französisches TV-Team die Rückkehr des Objekts aus den USA filmisch begleitet hat.

Nicht bloß die kunsthistorische Bedeutung, sondern auch sein abenteuerlicher Weg machen dieses Werk so spannend - und teuer. Für ein so epochales Werk knüpft die Rauschenberg Foundation deshalb eine strikte Bedingung an den Verkauf: "Es war völlig klar, dass es keinesfalls an einen privaten Sammler gehen kann", sagt Ropac.

Mit den streng geheimen Einnahmen durch den Verkauf wird die Rauschenberg Foundation unter anderem einen Catalogue raisonné finanzieren, eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung des gesamten Rauschenberg-Werks.

Aufgerufen am 21.05.2018 um 11:13 auf https://www.sn.at/kultur/bildende-kunst/sn-exklusiv-galerie-ropac-findet-fuer-legendaeren-flaschentrockner-von-duchamp-ein-neues-heim-24186094

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