Bildende Kunst

Tiere vermitteln Botschaften

Das Wort "Buße" steht für Nachdenken über das eigene Leben, um vom Schlechten zu lassen und sich woanders hinzuwenden. Aber wie erkennt man, wohin? Tiere des Waldes geben Hinweise.

Gemälde des heiligen Hieronymus sind aus der Zeit gefallen. Was fängt man heute mit so einem hageren Asketen und seinem angeblich zahmen Löwen an - sei's in Studierstube, Höhle oder Wüste? Das Tiroler Landesmuseum rühmt sich eines Hieronymus-Bildes als "eines seiner herausragenden Meisterwerke". Dafür hat sich Lucas Cranach der Ältere, der seit 1515 in seiner Werkstatt viele und verschiedene Hieronymus-Darstellungen produziert hat, zum letzten und ausführlichsten Mal mit diesem Heiligen befasst. Wegen der Raffinesse des Bildes widmet ihm das Ferdinandeum jetzt eine opulente Ausstellung mit Leihgaben aus Kunsthistorischem Museum, Sammlung Liechtenstein, Gemäldegalerie Berlin, Museum-Bautzen und Germanischem Nationalmuseum in Nürnberg. Zudem seien ab heute, Freitag, "sämtliche Solitärkompositionen Cranachs zum Thema des Hieronymus in der Wildnis" zu sehen, teilt das Museum mit.

Flora und Fauna geben Hinweise

Hieronymus, der von 347 bis 420 gelebt hat, wird doppelt verehrt: als Gelehrter und Bibelübersetzer sowie als Asket. An diesen erfolgt die Annäherung in der Innsbrucker Schau nicht über Mystik, wie sie der flatternde Schurz des Gekreuzigten augenscheinlich macht, sondern über Flora und Fauna.

Hieronymus war "Modeheiliger"

Im 16. Jahrhundert sei Hieronymus ein "Modeheiliger" gewesen, erläutert Agnes Thum, eine der beiden Kuratorinnen, im Katalog. "Der wilde Wald, der den Kirchenvater hier anstelle der historisch geforderten syrischen Wüste umfängt, ist dem Menschen gleichberechtigter ekstatischer Ausdrucksträger und zugleich Hort subtiler Symbolik." Ihre Kollegin Helena Pereña stellt fest: In Italien sei die Wüste oft mit kargen Felsen dargestellt worden, nördlich der Alpen hingegen werde Hieronymus in Wälder gemalt. Diese Naturdarstellung sei nicht dokumentarisch, sondern ein solcher Urwald sei wie die Urwüste ein Inbegriff für Wildnis - anders ausgedrückt: für den Ausstieg aus alltäglicher Geschäftigkeit.

Der Wald birgt "subtile Symbolik"

Die Kuratorinnen haben sich auf die Spuren dieser "subtilen Symbolik" des Waldes gemacht und erkannt: Tiere und Pflanzen sind Darsteller. Was Betrachtern im 16. Jahrhundert an Allegorien geläufig gewesen sein muss, haben Kunst- und Naturwissenschafter des Ferdinandeums wieder zusammengeklaubt - aus theologischen Texten, frühen Naturkundebüchern wie "Historia naturalis" von 1499 oder dem "Kleinen Destillierbuch" von 1500 sowie aus Vergleichen mit anderen Bildern. Der Zoologe Peter Morass und der Botaniker Michael Thalinger haben erkannt: Cranach hat vieles fantasievoll ungenau gemalt, aber einiges verblüffend naturgetreu.

Der Löwe symbolisiert den Ketzer

Diese exakt gemalten Tiere und Pflanzen tragen die "subtile Symbolik". Die Wesen am unteren Bildrand sind der Umkehr so bedürftig, dass sie dem heilbringenden Hieronymus-Quell schon nah sind. Der saufende Löwe steht für den reumütigen Ketzer. Der Biber, weil als vermeintlicher Fisch einst als Fastenspeise erlaubt, steht für Abkehr von Völlerei. Dass die zwei Mensch-Vogel-Wesen, Harpyien genannt, ihr Spiegelbild sehen, ist als Selbsterkenntnis zu deuten. Neben diesen drei Bußbereiten hat Agnes Thum drei nicht bußfertige Sünder ausgemacht: Eidechse, Schildkröte sowie der auf sein Gefieder überstolze Fasan. Zudem sind im Bild einige "Sündenüberwinder": der Adler unter dem Kreuz und der goldfarbener Heufalter unter dem linken Knie von Hieronymus, weil beide fliegende Erlösung symbolisieren, sowie der Schlangen vernichtende Storch. Ebenso seien Hirsche "typische Hieronymus-Tiere", weil Schlangenvernichter und Sinnbild der Gläubigen, stellt Agnes Thum fest. Und Kraniche sind dem Menschen Vorbild, weil sie ihren Flug an einer gemeinsamer Ordnung ausrichten und einem der Ihren folgen.

Klee, Stiefmütterchen und Erdbeere

Auch Blumen tragen Bedeutungen: jede Dreizahl verweist auf die Dreifaltigkeit - wie dreiblättriger Klee, dreifarbiges Stiefmütterchen, dreiblütige Erdbeere. Zudem verweisen die geneigten Blütenkelche der Akelei, die winzigen Blüten des Maiglöckchens und das niedrig wachsende Veilchen auf Demut.

Vorsicht vor dem Wiedehopf

Dass die Tanne über den Bildrand hinausrage, sei als Himmelsleiter zu deuten, erläutert Agnes Thum. Ein Rotkehlchen über dem Kopf des Heiligen verweise auf die Passion Christi. Zwei Eichhörnchen - eines klettert himmelwärts, eines knackt eine Nuss - seien "geläufiges Symbol für den Menschen, der das Göttliche sucht". Der Buchfink als Singvogel stehe für die Seele, die nach Erlösung strebe. Der Papagei hoch oben symbolisiere Keuschheit.

Hingegen sitzt rechts, auf der nicht in den Himmel führenden Buche auf dürrem Zweig ein Wiedehopf. Dieser ist Sinnbild für den Menschen, der seine Schlechtigkeit unter schönem Gewand verbirgt.

Ausstellung: "Cranach natürlich - Hieronymus in der Wildnis", Ferdinandeum, Innsbruck, bis 7. Oktober.

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