Bildende Kunst

Venus von Milo: Uralt und noch immer sexy

Sie ist makellos. Die Linien ihres Körpers sind einfach perfekt. Sie wurde vor mehr als zwei Jahrtausenden geschaffen und wirkt immer noch modern: Die Venus von Milo.

Heute steht die Schönheit im Louvre – ihr Weg dorthin war durchaus spannend.  SN/sw/stadler
Heute steht die Schönheit im Louvre – ihr Weg dorthin war durchaus spannend.

Als eine der bedeutendsten Skulpturen der Kunstgeschichte fasziniert sie das Publikum im Pariser Louvre bis heute. Vor 200 Jahren wurde das Meisterwerk der griechischen Antike von einem Bauern auf einem Feld entdeckt. Seit dem Altertum gilt sie als Ikone weiblicher Schönheit. Doch die Geschichte der Wiederentdeckung der Göttin der Liebe ist ebenso mysteriös wie ihre ursprüngliche Bedeutung.

Anfang April 1820: Auf der kleinen Ägäis-Insel Melos - neue Schreibweise Milos; damals Teil des Osmanischen Reichs - ist der griechische Bauer Georgios Kentrotas auf der Suche nach Bruchsteinen für den Hausbau. Plötzlich stößt er an einem Berghang auf einen Marmorbrocken. Zunächst beachtet er den Fund kaum, denn für den Mauerbau sind die Formen zu rundlich. Die herausragende Bedeutung seiner Entdeckung ist ihm nicht bewusst. Der französische Marineoffizier Olivier Voutier behauptete in seinen Memoiren, er habe sich am Tag der Entdeckung in der Nähe aufgehalten und Kentrotas für seinen Fund 400 Piaster (mehr als einen Monatslohn) geboten. Da er aber nicht genug Bargeld bei sich hatte, verständigte er seine Vorgesetzten.

Die Nachricht erreichte nach einigen Tagen den französischen Botschafter in Konstantinopel, Charles François de Riffardeau Marquis de Riviere, Der beauftragte seinen Sekretär Comte de Marcellus nach Milos zu fahren, um die Statue zu erwerben. Die Reisevorbereitungen nahmen einige Zeit in Anspruch und de Marcellus erreichte Milos erst am 23. Mai 1820. Zu diesem Zeitpunkt waren aber bereits türkische Seeleute damit beschäftigt, etwas "Großes, Weißes und Schweres" auf eines ihrer Schiffe zu laden. Daraufhin entbrannte zwischen Franzosen und Türken ein heftiger Kampf um die Statue. Die Vermutung, dass dabei die Arme und Hände der Venus verlorengingen, wie teilweise später berichtet, gehört in den Bereich der Spekulationen und stimmt wahrscheinlich nicht.

Kentrotas hatte die Einzelteile der Statue in seinem Schafstall versteckt, sie aber nicht dauerhaft vor den Türken verbergen können. Die Figur bestand aus zwei Marmorblöcken, dem Oberkörper und den unteren drapierten Beinen sowie einem beschrifteten Sockel. "Sie griff mit der rechten Hand nach ihren Kleidern, die sie nur bis zu den Hüften bedeckten und mit breiten Falten auf den Boden fielen. Die linke war leicht angehoben und gebeugt - darin hielt sie eine Kugel in der Größe eines Apfels", soll Kentrotas seinen Fund beschrieben haben.

Der Emissär de Marcellus präsentierte dem türkischen Kapitän schließlich einen vorläufigen Kaufvertrag. Nach zähen, zweitägigen Verhandlungen - inklusive Bestechungsgeld - konnte er die Venus für Frankreich in Besitz nehmen. Der Bürgermeister von Milos, Gerasimos Damoulakis, sagte hingegen später, die Statue sei den Osmanen von einem französischen Offizier gestohlen und dann auf das Kriegsschiff "L'Estafette" verladen worden. Angeblich, so eine andere Version der Ereignisse, seien sowohl die Arme und Hände wie auch der ursprüngliche Sockel zunächst noch vorhanden gewesen und gingen erst beim Transport des Werkes nach Paris verloren. Experten hatten jedenfalls anhand der Patina (Oxidschicht) auf den Fragmenten der Hände festgestellt, dass sie lange vor der Entdeckung der Statue abgestoßen worden sein mussten. Welche dieser Geschichten wahr ist, lässt sich heute nicht mehr eindeutig belegen.

Die leicht überlebensgroße, halbnackte Statue soll die Venus von Milo, das römische Pendant der griechischen Göttin Aphrodite, darstellen. Einige Gelehrte meinen jedoch, es sei die Seegöttin Amphitrite, die auf Melos sehr verehrt wurde. Andere wiederum glauben, in ihr die Siegesgöttin Victoria zu erkennen. Die Frauenfigur aus Marmor gehört zu den bekanntesten Werken hellenistischer Kunst. Geschaffen wurde sie vermutlich von dem Bildhauer Alexandros von Antiochia zwischen 130 und 100 v. Chr.

Sie symbolisiert das damalige Schönheitsideal mit eher kleinen Brüsten und einem wohlgeformten Becken. Sie ist zart und unkriegerisch, mit ihr verbunden sind Anmut und Verführung. Besonders markant ist ihre rätselhafte Körperdrehung: Gerade gleitet ihr Gewand weg, Oberkörper und Hüften sind schon nackt. Eine S-Kurve durchzieht die ganze Figur, der obere Teil ist leicht zurückgebogen. Die Szene könnte Aphrodite nach dem Bade darstellen, wie sie sich auf das Paris-Urteil vorbereitet, mit ausgestreckten Armen hält sie in ihren Händen einen Apfel. Sie trägt Armbänder, Ohrringe und Stirnband, der Marmor ist gefärbt.

Die fehlenden Hände lassen aber auch andere Deutungen zu: Wegen der Drehung der Schultern und des Rumpfes hielt Venus demnach einst mit der einen Hand einen Faden und in der anderen eine Spindel. Daneben wird spekuliert, dass sie den Schild des Kriegsgottes Mars, einen Bogen, einen Speer, eine Amphore oder einen Gürtel in den Händen hatte. Einige vermuten sogar, sie sei Teil einer bildhauerischen Gruppe gewesen. Beweise für sämtliche Theorien gibt es allerdings nicht.

Der weitreichende Ruhm der Venus de Milo im 19. Jahrhundert war in hohem Maße den großen Propagandabemühungen der französischen Behörden zu verdanken. 1815 hatte Frankreich mit der "Venus Medici" ein hellenistisches Meisterwerk an die Italiener zurückgeben müssen, nachdem sie von Napoleon Bonaparte gestohlen worden war. In die "Lücke" im Louvre rückte die Venus von Milo. Da jedoch Schöpfungen aus dem klassizistischen 4. Jahrhundert v. Chr. mehr Anerkennung fanden als Skulpturen aus der hellenistischen Zeit, ordneten Kunsthistoriker die Venus von Milo dem griechischen Bildhauer Praxiteles (390 bis 320 v. Chr.) zu. Um die Fehlinformationen zu unterstützen, wurde der ursprüngliche Sockel absichtlich entfernt.

Die griechische Skulptur hat die nachfolgenden Epochen bis in die Neuzeit stark beeinflusst. Eines der bekanntesten Werke ist die "Venus de Milo mit Schubladen" des surrealistischen Künstlers Salvador Dalí, außerdem wurde ihre Schönheit in vielen Versen und Gedichten gepriesen. Nur der berühmte Impressionist Pierre-Auguste Renoir war von der Skulptur nicht beeindruckt und bezweifelte ihre Schönheit.

Die Türkei betrachtete die "Gefangennahme der Venus" übrigens als direkte Piraterie - doch das Gesetz eines Exportverbots zum Schutz von griechischen Kunstschätzen trat erst 1834 in Kraft. Nach einigen Restaurierungsarbeiten schenkte der Marquis de Riviere die Venus von Milo dem damaligen französischen König Louis XVIII., der sie 1821 dem Louvre überließ. Immer noch ist sie neben der Mona Lisa eine der beliebtesten Attraktionen des Museums.

Quelle: SN

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