Bildende Kunst

"Wien 1900": Leopold Museum mit "enzyklopädischem Ansatz"

1.300 Exponate, drei Etagen, eine Ausstellung: "Wien 1900. Aufbruch in die Moderne" nennt sich die neue Sammlungspräsentation im Leopold Museum, die mit ihrem "enzyklopädischen Ansatz" jedoch weit darüber hinausgeht, wie Direktor Peter Wipplinger am Freitag bei der Pressekonferenz nicht wenig stolz erläuterte. Wie sich nach einem ersten Rundgang zeigt, wurde nicht zu viel versprochen.

Blick in die Ausstellung "Wien um 1900" SN/APA (Leopold Museum/Lisa Rastl)/
Blick in die Ausstellung "Wien um 1900"

Um das "Fluidum Wien um 1900" greifbar zu machen, hat sich das Leopold Museum ordentlich ins Zeug gelegt. Zwar steht die Kunst nach wie vor im Zentrum, doch wurden die einzelnen Themenbereiche - von der Blütezeit des Historismus bis zur Neuen Sachlichkeit - mit zahlreichen Möbeln, Skulpturen, Briefen, Fotos und Audio-Stationen angereichert, um ein umfassendes Bild einer Epoche zu zeichnen, die hier um 1870 ansetzt und bis in die 1930er-Jahre reicht. "Kunst entsteht nicht im Elfenbeinturm, daher haben wir uns dazu entschieden, auch politische, soziologische und wissenschaftliche Exkurse zu unternehmen."

Für den deutschen Künstler und Kunsttheoretiker Bazon Brock, der als Autor an dem im Juni erscheinenden Katalog mitgearbeitet hat, handelt es sich bei Wien um 1900 "nicht nur um einen Aufbruch in die Moderne, sondern eine komplette Revision", die Schau ermögliche "ein Bild des neuen Europa. Hier lernt man, was es heißt, Europäer zu sein", zeigte er sich von der Schau, die neben dem Leopold-Bestand auch Dauerleihgaben von über 50 privaten und institutionellen Sammlungen versammelt, äußerst angetan.

Den Auftakt macht im vierten Stock, dessen Räume zunächst in dunklem Rot gehalten sind, die "Blütezeit des Historismus" mit Werken von Hans Makart und Hans Canon, dessen "Sitzende Venus mit Pelzmantel" etwa Anton Romakos "Nike (II)" gegenübersteht. Im Gegensatz zur vielen nackten Haut steht das bürgerliche Porträt der Gründerzeit, die vor allem mit frühen Klimt-Arbeiten aufbereitet wird. Es folgt "Stimmungsvolle Landschaftsmalerei" mit Werken von Emil Jakob Schindler oder Theodor Hörmann, mit der die Künstler im Zeitalter der Industrialisierung einen Gegenpol zur Historienmalerei schufen.

Mit der Gründung der Secession bricht schließlich ein neues Zeitalter an, in das man nicht nur mit einem riesigen Foto-Gruppenporträt der Gründungsmitglieder aufwartet sowie berühmte Plakate zeigt, sondern anhand einer Fotowand auch "Wiens geistige Hochblüte" von Peter Altenberg bis Berta Zuckerkandl vorstellt. Gemälde von u.a. Giovanni Segantini oder Ferdinand Hodler sowie Skulpturen von Max Klinger oder Franz von Stuck bilden den Rahmen, um den künstlerischen Austausch mit internationalen Kollegen zu verdeutlichen.

Dann geht es Schlag auf Schlag: Sigmund Freuds Psychoanalyse, neue modische Strömungen, die Befreiung des Tanzes aus dem klassischen Ballett oder die Verbreitung der Fotografie werden anhand zahlreicher Exponate - von Kleidern über Fotografien und Möbeln - greifbar gemacht. Es folgen - wenig verwunderlich - die bekannten Highlights der Sammlung mit Gustav Klimt, Egon Schiele, Richard Gerstl und Oskar Kokoschka (dem ab 6. April eine eigenen Schau im Untergeschoß gewidmet ist). Umrahmt werden die Zeichnungen und Gemälde von allerlei Kunsthandwerk aus der Kunstgewerbeschule und der Wiener Werkstätte.

Im dritten Stock wird der Besucher gar von einem ganzen Zimmer begrüßt, in dem unter anderem ein intarsierter Schrank von Koloman Moser steht, der auch mit Bücherschränken, Stühlen und weiteren Möbeln vertreten ist. Wien als Architekturmetropole wird schließlich mit einem Fokus auf Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos gewürdigt, Arnold Schönberg ist nicht nur mit Audio-Beispielen und in Vitrinen präsentierten Partituren vertreten, sondern auch mit einer großen Anzahl von Gemälden.

Auf den Aufbruch folgte der Krieg: So widmet man sich in den Räumlichkeiten im Erdgeschoß dem sich in der Kunst niederschlagenden Schlachtfeld, darunter Werke von Albin Egger-Lienz oder Anton Kolig. Das Zusammenbrechen der Monarchie und die Ausrufung der Republik stellte auch auf künstlerischer Ebene (durch den Tod von Klimt, Schiele und Moser) eine Zäsur da, repräsentiert durch den Raum "Pluralismus der Stile", in dem die Vielgestaltigkeit mit Arbeiten von u.a. Albert Paris Gütersloh, Herbert Boeckl oder Erika Giovanna Klien demonstriert wird.

Bis hin zur Neuen Sachlichkeit und Magischem Realismus reicht die Schau, die schließlich mit einem Schlaglicht auf Gedächtniskultur endet und im letzten Raum Peter Weibels Installation "Vertreibung der Vernunft" aufwartet, in der er die systematische Auslöschung der jüdischen Bevölkerung ebenso zum Thema macht wie zwei Arbeiten von Heimrad Bäcker, mit denen der Besucher aus der neuen Dauerausstellung entlassen wird.

Quelle: APA

Aufgerufen am 21.09.2019 um 09:01 auf https://www.sn.at/kultur/bildende-kunst/wien-1900-leopold-museum-mit-enzyklopaedischem-ansatz-67310146

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