Kultur

Daniel Kehlmann thematisiert Terror in "Heilig Abend"

Zwei Wochen nach der Amtseinführung von Donald Trump als US-Präsident liefert Daniel Kehlmann das Stück zur Stunde: Am Donnerstag feiert "Heilig Abend" am Theater in der Josefstadt seine Uraufführung. Im Zentrum des von Hausherr Herbert Föttinger inszenierten Stücks für einen Mann, eine Frau und eine Uhr steht ein Verhör. Das Thema: Überwachung und Terror.

Kehlmann stellt grundsätzliche Fragen.  SN/APA (Archiv)/HERBERT NEUBAUER
Kehlmann stellt grundsätzliche Fragen.

Im Rahmen einer Matinee gab der in Berlin und New York lebende österreichische Autor am Sonntagvormittag im Rahmen eines "Josefstadtgesprächs" Einblicke in das Stück, das nach "Der Mentor" sein bereits zweites Auftragswerk für das Haus ist. Das Besondere an "Heilig Abend" ist, dass während des gesamten Stücks eine Uhr mitläuft, gespielt wird in Echtzeit. Bernhard Schir gibt einen Polizisten, der eine Wissenschafterin (Maria Köstlinger) zu einem befürchteten bevorstehenden Terroranschlag befragt. Die Uhr läuft, der Anschlag soll um Mitternacht stattfinden. Hier habe ihn der Film "High Noon" beeinflusst, so der Autor. "Das Stück verläuft ohne Zeitsprung. Ich wollte einmal wissen, ob einen das Zeitgefühl täuscht."

Die verhörte Professorin für Philosophie findet sich mit ihrem Verhörer in einem Glaskasten wieder. Zu Weihnachten soll sie Rechenschaft über Texte ablegen, die sie auf ihrem Computer gespeichert, aber nie veröffentlicht hat. Pikantes Detail: Der Computer ist gar nicht mit dem Internet verbunden. Genau das habe jedoch Aufmerksamkeit bei den Behörden erregt, so Kehlmann. "Sie lernt, dass ihr Leben ein offenes Buch ist." Dennoch will sich Kehlmann nicht auf eine Seite schlagen, Überwachung habe es immer schon gegeben. Allein die Ausmaße der vergangenen Jahre seien bedenklich.

"Die Frage ist, wie weit darf Überwachung gehen? Durch technische Geräte, die wir benützen, wird eine lückenlose Überwachung möglich, etwa durch Computerprogramme, die dann Schlüsse ziehen, ob wir gefährlich sind. Das ist eine riesige Gefahr." Das wahre Problem bestehe darin, dass die Überwachung mittlerweile aufgrund von Algorithmen passiere. "Früher gab es den menschlichen Faktor; jemanden, der Entscheidungen treffen konnte. Nun gibt es oft keine Stelle mehr, bei der man sich beschweren kann", erinnerte sich Kehlmann an eine Situation, als Detlev Buck, der seinen Welterfolg "Die Vermessung der Welt" verfilmt hat, einmal an der Einreise in die USA gehindert wurde, ohne dass ihm jemand sagen konnte, was der Grund dafür war. "Die Gründe wurden nie bekannt, es gibt im System niemanden, der es herausfinden kann. Das war eine reine Computerentscheidung."

Als Edward Snowden damals die Datensammlungen der NSA an die Öffentlichkeit brachte, habe dieser bereits darauf verwiesen, dass es darum geht, was eine Regierung aus diesen Daten mache. "Snowden hat damals gesagt, dass es ums Prinzip geht. Damals gab es eine Regierung, die diese Daten nicht zur Abschaffung der Demokratie verwendet hätte. Nun ist es keine Sache von Prinzipien mehr." Für sein Fazit "Es gibt Situationen, wo es richtig ist, ein Verräter zu sein", erhielt Kehlmann in der Josefstadt spontanen Applaus. "Ich bin beeindruckt von Snowden, welches Risiko er auf sich genommen hat. Es ist bedauerlich, dass er nicht begnadigt wurde. Da Trump und Putin sich so gut verstehen, ist es wahrscheinlich, dass Snowden in Russland nicht mehr sicher ist."

Quelle: APA

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