Kultur

Das Ende, der Anfang und das Verschwinden: Der letzte Film von Michael Glawogger:

Regisseur Michael Glawogger starb bei den Dreharbeiten zum Film "Untitled". Nun eröffnet dieser Film trotzdem die heurige Ausgabe der Diagonale in Graz.

Vor fast drei Jahren ist der österreichische Regisseur Michael Glawogger während der Dreharbeiten für seinen Doku-Essay "Untitled" verstorben. Der Film eröffnet trotzdem heute Abend die Diagonale in Graz. Zu verdanken ist die Existenz des fertigen Films Glawoggers langjähriger künstlerischer Weggefährtin und Cutterin Monika Willi, die die Regie von Glawoggers Vermächtnis übernommen hat. "Untitled" hat sie aus jenem Material geschnitten, das Glawogger bis zu seinem Tod gedreht hat, begleitet von literarischen Blogbeiträgen, die er während seiner Reise verfasst hat. Im SN-Interview spricht Willi über die Zusammenarbeit mit einem Abwesenden.
Mit "Untitled" geht etwas zu Ende, aber es beginnt auch etwas: Der Film ist Ihr Regiedebüt.
Willi: Ich empfinde es nicht so. Es ist zwar meine erste Koregiearbeit, aber ob das in die Richtung weitergeht, weiß ich nicht. Ich konnte das Projekt nicht weggeben. Es gab andere Optionen auch, etwa das gedrehte Material so zu lassen, wie es ist, und es in ein Archiv zu geben. Aber das ist ja immer noch möglich. Ich wollte nur nicht mit einem anderen Regisseur arbeiten. Jemand statt Michael im Schneideraum neben mir sitzen zu haben, das hätte ich nicht verkraftet.

Wie hat die Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden ausgesehen?
"Untitled" ist das erste digital gedrehte Projekt. Er hat früher immer nur auf Super 16 oder bei Spielfilmen auf 35 mm gedreht, und das waren immer sehr konzentrierte Dreharbeiten: Er hat über Jahre vorbereitet, um dann in nur zwei Wochen zu drehen. Und dann kam das Material zurück und wurde entwickelt. Aber je länger wir zusammengearbeitet haben, desto mehr hat er eine Episode gedreht, mir das Material gegeben fast ohne Informationen bis auf die Geografie eines Ortes. Dann hab ich einen ersten Rohschnitt gemacht, der ihm auch die Möglichkeit gegeben hat zu sehen, was die Bilder aussagen für jemanden, der keinen Hintergrund weiß. Und dann ist er aufgebrochen, um die nächste Episode zu drehen.
Was ist gemeint mit der "Geografie eines Ortes"?
Der Ort war ihm immer sehr wichtig, egal ob das die Kohlemine in der Ukraine ist, Schwefelabbau oder ein Bordell in Bangladesch. Ich hatte meistens händische Skizzen: Wo sind Ein- und Ausgänge, wo müssen die Leute kriechen, wie verzweigen sich Gänge und so weiter - wie die räumliche Situation eines Menschen ist, das war ihm wichtig. Das gab es bei dieser Reise überhaupt nicht, weder die Vorbereitung noch die Erklärung des Ortes.
Wie sind Sie thematisch vorgegangen?
Die Abfolge ist radikal subjektiv. Die hat damit zu tun, wie ich selbst mich in dieser Reise durch das Material fortbewegen wollte: Wo bleib ich hängen, was macht etwas mit mir, wo will ich genauer schauen? Es sind ja nur zwei große geografische Regionen der Welt und nicht wie ursprünglich geplant die ganze Welt. Wie balanciere ich die? Weil sie ja gänzlich unterschiedlich sind: Der Balkan ist geprägt von den Bildern eines vergangenen Krieges. Afrika ist unglaublich lebendig. Fix waren für mich nur der Anfang und das Ende, wo Michael gewissermaßen in sein Paradies zurückkehrt. Dazwischen sitzt man und schaut.
Es ist seltsam, dass er bei der Premiere in Graz nicht da sein wird.
Es ist ja wirklich blöd, man hört nicht auf, daran zu denken, ob er das mit dem Verschwinden vielleicht nur ausprobiert hat. Das war ja so ein wichtiger Gedanke für ihn: "Kann man verschwinden?" Im Film kommt ein Text vor, in dem er genau darüber spricht. Den empfinden viele als Vorahnung eines Todes, und so, wie er jetzt eingebaut ist, wirkt er auch so. Aber das Verschwindenwollen ist ein "wiederkehrender Kindergedanke", wie er schreibt. Davon handelt auch ein nicht realisiertes Spielfilmprojekt und es ist ein Motiv in seiner Arbeit, zum Beispiel in "Slumming". Im Nachhinein kann man immer Vorzeichen für einen Tod finden, aber ich bin sicher, dass das nicht so war. Ich denk mir immer, vielleicht kommt er ja doch noch irgendwann einmal ums Eck.

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Aufgerufen am 15.05.2021 um 12:10 auf https://www.sn.at/kultur/das-ende-der-anfang-und-das-verschwinden-der-letzte-film-von-michael-glawogger-6875542

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