Kultur

Das Toihaus lässt der Zeit und dem Leben lauschen

Das Abendstück "Immer" bestaunt im Toihaus tickend das Leben.

Paris trifft Tokyo in Càdiz und beide unterhalten sich auf Finnisch. Hinzu kommt ein Schuss Bohème und eine Brise Future-Café. So oder so ähnlich, aber jedenfalls als geheimnisvoller Cross-over begrüßt "Immer", die aktuelle Abendproduktion des Toihaus, seine Zuseher. Allerlei Musikinstrumente stehen bereit, auf vier Bistrotischen sind Tassen, die an heißen Café-au-lait denken lassen. Sie werden von oben grell beleuchtet. Ein wenig Verruchtes schleicht sich so in das atmosphärische Sammelsurium und Kaffeegelüste werden von der Geschmacksvorstellung eines eiskalten Pastis auf der Zunge verdrängt. Tritt man in den dunklen Bühnenraum ein, um sich auf einen der Stühle niederzulassen, ist man erstaunt, wie intim und zugleich einladend das Publikum erwartet wird. Die Art der Bestuhlung verstärkt den Eindruck von Nähe, denn die Zuseher sitzen quasi als viereckiger Rahmen um die Spielfläche herum. Doch nicht aufgezwungen oder voyeuristisch, sondern wohlig gestaltet sich diese Distanzlosigkeit zwischen Schauspielern und Publikum.

Live-Musik und das Ticken der Zeit durchbrechen die Stille

Zwei Akteure (Yoko Yagihara und Yorgos Pervolarakis) nehmen Platz, wie eine eingeschworene Schicksalsgemeinschaft hocken sie da und warten. Doch worauf? Sogleich tritt ein Fremder (Andreas Simma) ein. Unsicher bahnt er sich seinen Weg zwischen den Tischchen. Beinahe hilflos unter den prüfenden Blicken der Lauernden sucht er nach einer Ablagemöglichkeit für seine Straßenbekleidung. Live-Musik und das Ticken der Zeit durchbrechen die gespannte Stille. Warten und Leben werden musikalisch vertont und untrennbar miteinander vermengt. Vom Bühnenhimmel beginnt es pausenlos in einer schmalen Linie Zucker zu regnen. Oder ist es doch Salz? Wie süß oder sauer diese Timeline und somit das Leben schmeckt, bleibt dem Urteil der Zuseher überlassen.
Zwischendurch flackert Reales momenthaft auf, wenn die namenlose Figur von Andreas Simma aus ihrem Leben erzählt und konkrete Gedanken ausspricht, die offenbar schon lange in ihr wandern und ihren Körper antreiben. Doch wird nicht zwischen Sinn und Sinnlosigkeit entschieden, sondern vielmehr dieser Zwiespalt entschlossen aufgelöst. Schon bald existiert für das Publikum beides gleichberechtigt nebeneinander. Das gilt ebenso für das Verhältnis von Musik und Sprache. Beide ergänzen einander und füllen auf, was das jeweils andere nicht leisten kann.

"Immer" als ein Stück absurdes Theater

Die Suche nach einem Handlungsstrang ergibt sich gelöst in ein bloßes Wahrnehmen. Hausherrin und Regisseurin Myrto Dimitriadou serviert ihrem Publikum ein Stück absurdes Theater, das Protagonisten und Zuseher stark mit den Leerstellen des Lebens konfrontiert. Mahnend lässt sie dabei deutlich hörbar die Zeit ticken und überführt das Getriebensein schrittweise in eine höhere Ebene der Zeitlosigkeit.
Fragmentarisch rauscht dieser Abend durch Ohren und Augen hindurch wie der kaum fassbare Zustand zwischen Traum und Erwachen. Auch die Temperatur wechselt stetig, Komik und Ernst tauschen Plätze, Slapstick durchbricht das Philosophieren. Wohlbekannte Clowntricks beschwingen das Geschehen und unterstreichen die Groteske. Das lässt die knapp einstündige Performance kurzweilig vergehen. Herrlich ist auch der avantgardistische Musikmix des "Theatralisch-Musikalischen Fensters ins Unendliche" - so der Untertitel des Abends. Er wird von den Akteuren selbst gespielt, gesungen und gezischt. Einmal Klangfläche, dann ganz Mittelpunkt ist er stets Ingredienz dieses flirrenden Abends.

Nächste Vorstellungen: Heute, Freitag, sowie 21., 26.. 27. und 28. Jänner - jeweils um 20.02 Uhr.

Quelle: SN

Aufgerufen am 14.11.2018 um 12:15 auf https://www.sn.at/kultur/das-toihaus-laesst-der-zeit-und-dem-leben-lauschen-510337

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