Kultur

Der Roth in Venedig: Himmel und Hölle in der Lagune

Mit seinem neuen Roman erzählt Gerhard Roth eine Spannungsgeschichte unter zahlreichen Bremsmanövern. Der 75-jährige Autor berichtet im SN-Gespräch über seine jahrzehntelange Beziehung zu der Lagunenstadt.

Michael Aldrian ist ein Held, wie er im Gerhard Roth-Buch steht. Er gehört der grüblerischen Sorte von Menschen an, er denkt sich durch sein Leben, was ihn zu einem einsamen Zeitgenossen macht. Seine Frau hat ihn verlassen, und so spinnt er sich nur umso ungestörter ein in seine Traumwelt, die ihm hilft, sich durch sein Leben zu lavieren.

Wer in einen Gerhard Roth-Roman will, ist gut beraten, sich besonderer Fähigkeiten rühmen zu dürfen, ohne dass er damit bedeutende Erfolge erringen würde. Ein Genie mit Profilierungshemmung, ein Gedankenriese im Hinterzimmer, das ist das passende Format für einen Intellektuellen mit Karriereverhinderungs-Gen.

Aldrian hat es mit den Opern. Schon als Kind verstand er es, komplizierte Musikwerke nach einmaligem Hören fehlerlos zu rekapitulieren. Mit seiner außerordentlichen Begabung landete er als Souffleur in der Staatsoper und auch bei den Salzburger Festspielen. Nach einem Hörsturz war es mit dem Berufsleben vorbei.

Musik ist nur eine Leidenschaft Aldrians, er bewegt sich auch souverän durch die Epochen der Kunstgeschichte, wozu sich sein phänomenales Gedächtnis als sehr nützlich erweist. Venedig ist ein guter Boden für ihn. Also reist er dorthin in das Haus seines Bruders, um sich mehrere Monate intensiver kultureller Herausforderungen zu stellen.

Auch das kennen wir von früheren Roth-Romanen, dass die Handlung nur zögerlich voranschreitet, weil der Erzähler es sich nicht nehmen lässt, seine Helden auf ihren Streifzügen durch herausragende Architekturmonumente zu begleiten. Wien hat Roth schon ausgiebig durchwandert, auch deshalb bietet sich das so vielfältige und immer wieder rätselhafte Venedig für intellektuelle Exkursionen an.

Aldrian bekommt eine Führung durch die Biblioteca Marciana, erfährt im Archivio di Stato di Venezia Grundsätzliches über die verheerenden Pestepidemien in der Stadt und besucht den Dogenpalast, wo die Pracht und der Schrecken in unmittelbarer Nachbarschaft miteinander auskommen. Solche ausführlichen Passagen sind notwendig, weil all das, was in Museen, Kirchen und Palästen angehäuft ist, etwas über den Charakter der Stadt und ihrer Bewohner verrät.

Die Wirklichkeit befindet sich im Schwebezustand

Uneindeutigkeit ist das poetische Prinzip des Romans. Wirklichkeit wird in der Schwebe gehalten, weil Aldrian unfähig ist, eine Wirklichkeit der Trennschärfen für gültig zu nehmen. Auf einem Bild des Renaissance-Künstlers Vittore Carpaccio sieht er zwei Frauen in einem Raum, draußen findet eine Kormoranjagd statt, Wirklichkeit, Traum, Erinnerung, die drei Ebenen der Weltwahrnehmung sind festgehalten und Aldrian, der Träumer und Phantast, bezieht diese Parallelwelten des Seins unmittelbar auf sich. Es wird nicht deutlich, wie weit er schon in das Reich des Wahns vorgestoßen ist.

Der Venedig-Aufenthalt steht unter einem Unstern. Als Aldrian ankommt, sind sein Bruder und dessen Frau spurlos verschwunden. Die Polizei ermittelt, unter Verdacht gerät auch Aldrian. Sein Bruder ist kein Unschuldslamm, auch er verfügt über eine besondere Fähigkeit, die des präzisen Abzeichnens. Im Unterschied zu seinem ehrgeizlosen Bruder schlägt er daraus Kapital als Fälscher. Das wird ihm zum Verhängnis. Der Kriminalfall ergibt die eigentliche Geschichte, die sich aber unter zahlreichen Bremsmanövern sehr bedächtig entwickelt. Kein Wunder, denn das, was wir für Wirklichkeit halten, steht auf dem Prüfstand.

Begräbnis in Venedig. SN/roth
Begräbnis in Venedig.

Der Autor hat Venedig bereits 14 Mal bereist

Gerhard Roth und Venedig, das ist die Geschichte einer jahrzehntelangen Faszination. "Ich war zwölf Jahre als, als ich das erste Mal in Begleitung meiner Eltern nach Venedig kam. Das hat bei mir große Verwirrung ausgelöst. Der Markusdom mit seinen Mosaiken, der Dogenpalast mit der Fülle an Bildern und Geschichten - das alles hat für mich einen neuen Kosmos aufgemacht", berichtet der Autor im SN-Gespräch.

Und eben diesen Kosmos habe er in den Jahren danach zu entschlüsseln versucht: "Es hat in mir gearbeitet und gebrodelt und ich bin immer wieder hingefahren und habe die Stadt Stück für Stück erforscht." Auch während der Arbeit zu seinen nunmehr abgeschlossenen Romanzyklen "Die Archive des Schweigens" und "Orkus" habe er Venedig bereits - "um den Kopf frei zu bekommen".

Seit dem Jahr 2002 haben die Venedig-Reisen des in Graz geborenen Autors einen "professionellen Charakter", wie er betont. "Ich habe viel fotografiert und Notizbücher mit meinen Wahrnehmungen und Überlegungen vollgeschrieben. Ich wusste, dass dies einmal in meine Bücher einfließen wird." Venedig sei wie keine andere Stadt, eine "Welt in einer Nussschale", sagt Roth und zitiert damit James Joyce. In dieser Stadt lägen die Geschichte der Schönheit und des Grauens ganz eng beisammen. Man stoße auf Gott ebenso wie auf die Hölle.

Viele Details aus der Stadtgeschichte hätten sein Interesse erregt, eine Reise etwa sei dem Einsturz des Campanile am 14. Juli 1902 gewidmet gewesen: "Ich habe historische Fotos gekauft und mich mit einschlägiger Literatur eingedeckt."

Das Caffee Florian ist ein Lieblingsort für Roth

Ob die Vielzahl an Touristen in der Lagunenstadt für Gerhard Roth kein Problem darstellen? "Im Sommer fährt nur ein Greenhorn nach Venedig", betont der 75-Jährige, der gerne auch in der kalten Jahreszeit nach Venedig fährt. Vor Ort habe er bislang nur Notizen gemacht, aber nie länger an einem Roman geschrieben. Warum? "Weil es mir zu teuer wäre."

Zu seinen Lieblingsorten zählen unter anderem der große Fischmarkt in der Nähe der Rialtobrücke und das Caffee Florian auf dem Markusplatz. Dort bestelle er sich meist ein Getränk und verweile dann mehrere Stunden: "Ich schaue, beobachte und höre die Live-Musik des Lokals. Das gehört für mich zu einem Venedig-Besuch dazu." Auf dem Markusplatz wird für Gerhard Roth der Marcel-Proust-Text "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lebendig: "Im Florian sitzend spüre ich förmlich den Text. Das sind magische Momente."

Der neue Roman "Die Irrfahrt des Michael Aldrian" ist für den österreichischen Staatspreisträger Roth der Auftakt zu einer neuen Trilogie, deren Handlung in Venedig spielt. "Die Korrekturen des zweiten Teils der Trilogie sind bereits abgeschlossen, das Buch wird 2018 oder 2019 erscheinen." Auch in diesem Roman wird es eine Kriminalhandlung geben, Roths Geschichten sind eine ironische Reaktion auf die in der Literatur verbreiteten Kommissare, die stets alle Fälle souverän zu lösen vermögen: "Dieses Phänomen etwas zu karikieren, hat mit Vergnügen bereitet." Nach Abschluss der literarischen Venedig-Trilogie plant Gerhard Roth noch die Herausgabe eines Fotobuches: "Ich habe rund 15.000 Fotos in Venedig gemacht."

Buch: Gerhard Roth, "Die Irrfahrt des Michael Aldrian", Roman, 492 Seiten S. Fischer, Frankfurt am Main 2017.


Quelle: SN

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