Kultur

"Die Blumen von gestern": Was die Vergangenheit mit uns macht

Im Film "Die Blumen von gestern" spielt Lars Eidinger einen Holocaustforscher, den seine Familiengeschichte quält.

Im Theater ist er schon lange ein Star, seit Maren Ades "Alle anderen" ist Lars Eidinger auch dem Kinopublikum ein Begriff. Demnächst ist er in "Personal Shopper" an der Seite von Kristen Stewart zu sehen. Im SN-Interview spricht Eidinger aber über "Die Blumen von gestern", einen semiautobiografischen Film des deutschen Regisseurs Chris Kraus ("Poll"). Eidinger spielt hier einen deutschen Holocaustforscher, der im Zusammentreffen mit einer jungen jüdisch-französischen Kollegin (Adèle Haenel) die Vergangenheit seines eigenen Großvaters aufarbeiten muss. Und dabei sich selbst, seine Identität als Deutscher, als Mann und als Liebender ganz neu kennen lernt.

Der Film erzählt von einem Mann, der mit seiner Familiengeschichte hadert, und stößt damit bei Zuschauern Türen auf, hinter die zu schauen sehr schmerzhaft sein kann. Wie war das für Sie?
Lars Eidinger: Mir ist da mit Schrecken bewusst geworden, wie wenig ich mich mit der Geschichte meines eigenen Großvaters auseinandergesetzt habe. Er ist sehr früh gestorben, und ich hab mir erst jetzt seine Akte raussuchen lassen. Zu wissen, dass mein Opa im Krieg wahrscheinlich Leute erschossen hat, find ich ganz schön unheimlich. Wenn ich mich an ihn erinnere - ich weiß gar nicht, ob der je irgendwas gesagt hat. Er kam sehr traumatisiert aus dem Krieg zurück.

Als Regisseur Chris Kraus vor ein paar Jahren mit dem Drehbuch begonnen hat, schien die Welt noch ein wenig weiter weg zu sein von dieser Faszination für Demagogen, die die Dreißiger Jahre und unsere Gegenwart zu einen scheint. Hat sich der Film in Ihren Augen durch die Gegenwart verändert?
Klar, Vergleiche drängen sich immer auf, mit Trump zum Beispiel. Aber das hat eher damit zu tun, dass man sich wundert, dass wir in der großen Masse uns so faszinieren lassen von solchen Menschen. Adolf Hitler galt ja auch lange als Witzfigur, alle haben den ausgelacht, und plötzlich hat er die Wahl gewonnen - diese Situation hat man heute auch, auch wenn ich Trump nicht mit Hitler vergleichen würde. Aber ich finde ja eher, dass man ehrlich und aufrichtig der Tatsache gegenüber sein muss, dass diese Tendenzen, die es grade in Deutschland wieder auch gibt, die AfD zu wählen, trotzdem für mich null komma null mit dem Faschismus und dem Holocaust zu tun haben. Weil das ist ein Phänomen, das überschreitet jede Vorstellungskraft. Einfach zu sagen, eine Form von Fremdenfeindlichkeit hat irgendwas mit dem Dritten Reich zu tun, da tu ich mir schwer. Man läuft da manchmal ein bisschen Gefahr, das Thema zu sehr runterzubrechen auf Tagespolitik.

Ich frage ja nicht nach dem Holocaust, sondern nach Mechanismen der Demagogie.
Ich hab das jetzt auch gar nicht auf das bezogen, was Sie gesagt haben, sondern generell, dass man da oft nach Vergleichen sucht. Ich glaube, dass es tatsächlich etwas Unvergleichbares ist, was da passiert ist, in der Dimension.

Aber wenn man fassungslos vor einer unerklärlichen Gegenwart steht, wohin sollte man denn schauen, wenn nicht in die Vergangenheit, um Mechanismen und Muster zu verstehen?
Vielleicht kann man's manchmal auch aushalten, dass man das nicht verstehen kann. Verstehen find ich immer so kunstfeindlich. Ich meine, mir soll mal wer erklären, warum wir auf der Welt sind. Ich will mal verstehen, was nach dem Tod kommt. Das weiß doch auch keiner. Aber im Film muss man immer alles verstehen. Diese Form von Logik widerstrebt mir total. Und ich glaube zum Beispiel, das Phänomen "Drittes Reich" ist nicht verstehbar. Und das ist auch gut so.

Was ist daran gut?
Indem ich es verstehen will, brech' ich es immer runter. Da versuch ich etwas zu erklären, das man aber nicht erklären kann. Oft wird ja auch die Frage gestellt: Darf man über dieses Thema lachen? Meistens ist es wichtig, über was zu lachen, denn dann kann man's verarbeiten. Aber ich glaub, das ist ein Thema, das darf man gar nicht verarbeiten.

Aber Sie wollen doch auch wissen, was Ihr Großvater gemacht hat, und es vielleicht sogar zu verstehen versuchen.
Ja, aber das ist doch die Frage, die auch der Film behandelt: Was macht das mit unserer Generation? Welche Spuren gibt es bis heute, welches Echo hallt da nach?

Das kann man gar nicht logisch erklären, warum ich mich vielleicht immer noch daran abarbeite, was meine Vorfahren im Zweiten Weltkrieg gemacht haben. Aber ich glaube, es gibt da eine Verbindung, ich spüre es einfach. Ich bilde mir ein, dass ganz viel von einer Form von Depression und diffuser Traurigkeit daher rührt in Deutschland. Und ich finde es interessant, sich dem zu öffnen und dieses Thema zu fragen: "Was machst du überhaupt mit mir?" Und sich's nicht so einfach zu machen, wie man es noch als Teenager beigebracht bekommen hat: "Das hat mit mir nichts mehr zu tun, ich bin ja die Generation danach."

Was hat denn die Rolle dieses Holocaustforschers Toto für Sie da neu angestoßen?
Für mich waren das kleine Momente. Da fragt Zazie (Totos Kollegin, Anm.) den Toto im Film irgendwann, "Wie war eigentlich dein Großvater?" Und dann sagt der, "Lieb." Ich finde das einen ganz wichtigen Punkt. Aus der heutigen Perspektive zu sagen, man wäre damals bestimmt im Widerstand gewesen, ist natürlich leicht. Aber ich glaub', wir wären alle Nazis gewesen. Das war ja ein Massenphänomen. Das hat ja immer auch was mit dem Wertesystem zu tun, in dem man sozialisiert ist. Und Toto hat seinen Großvater einfach geliebt, deswegen ist es ganz schwer für ihn, zu begreifen, dass dieser Großvater, zu dem er aufgesehen hat, verantwortlich für den Mord an Tausenden von Menschen ist. Davon handelt für mich der Film. Man wünscht sich ja manchmal, man hätte es da mit Monstern zu tun gehabt. Über so jemanden zu sagen, "der war lieb", das ist schon ein ziemlich großer Konflikt.

Film: Die Blumen von Gestern. Tragikomödie, D, Ö 2016. Regie: Chris Kraus. Mit Lars Eidinger, Adèle Haenel, Jan Josef Liefers, Hannah Herzsprung, Bibiane Zeller. Start: 13. 1.

(SN)

Bilder zum Film „Die Blumen von Gestern“. SN/filmladen
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Aufgerufen am 22.01.2018 um 03:17 auf https://www.sn.at/kultur/die-blumen-von-gestern-was-die-vergangenheit-mit-uns-macht-539428

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