Kultur

"Die Frau im Mond": Gabriele lebt in einer Fantasiewelt

Oscarpreisträgerin Marion Cotillard spielt in "Die Frau im Mond" eine Gefangene ihrer Sehnsucht. Die Schauspielerin im SN-Interview.

Frankreich, in den Fünfziger Jahren: Bauerstochter Gabrielle (Marion Cotillard) träumt von der romantischen Liebe, doch ihre Eltern zwingen sie zur Heirat mit einem braven Landarbeiter. Als Gabrielle wegen einer Krankheit in ein Sanatorium geschickt wird, verliebt sie sich rettungslos in einen moribunden Kriegsveteranen (Louis Garrel).

"Die Frau im Mond - Erinnerungen an die Liebe" (ab Freitag im Kino) ist die schwärmerische Verfilmung des gleichnamigen Romans von Milena Agus, unter der Regie von Nicole Garcia. "Man kann einem Vogel nicht die Flügel abschneiden, ohne dabei seinen Verstand zu riskieren", sagt Marion Cotillard.

Woher nehmen Sie den Mut zu einer so riskanten Rolle?
Marion Cotillard: Ich hab es immer geliebt, Dinge zu erforschen die ich in meinem eigenen Leben nicht kenne. Das ist meine Methode, das Menschsein zu untersuchen, wer und wie wir sind.

Die Regisseurin Nicole Garcia sagt, dass Sie ihr im Namen von Gabrielle einen Brief geschrieben haben. Was stand da drin?
Oh - ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern! Manchmal mache ich intuitiv Dinge während des Drehs, die ich nachher nicht mehr recht zuordnen kann. Aber ja, ich wollte ganz für Gabrielle da sein, ich wollte sie beschützen, und ich wollte unbedingt, dass sie frei ist.

Gabrielle ist eine Frau, die sich nach der totalen Hingabe sehnt. Haben Sie sich da wiedergefunden?
Ich versuche mich nie in einer Figur wiederzufinden, so arbeite ich nicht. Ich bekomme diese Frage oft gestellt, aber um eine Rolle spielen zu können, muss ich mich nicht sie komplett hineinversetzen. Es ist sogar einfacher, weit weg zu sein von einer Figur, denn dann hab ich die Möglichkeit, sie von Grund auf zu konstruieren, und nichts von mir selbst trübt ihr Bild.

Gabrielle muss sich dem Willen ihrer Familie unterwerfen, besonders in emotionalen Dingen. Ist ein solcher Konflikt in Ihren Augen heute noch relevant?
Machen wir uns nichts vor, natürlich gibt es das auch heute. Klar war es in den Fünfziger Jahren, in einer solchen Familie, besonders schwierig. Aber letztlich hängt es auch heute nur davon ab, wo in was für Verhältnisse du geboren wirst. Selbst wenn ich von Europa rede, sind die Unterschiede enorm, und wenn wir über Europa hinausschauen, ohne jetzt konkrete Länder zu nennen, gibt es so viele Orte, an denen die Freiheiten von Frauen täglich massiv beschnitten werden. Also ja, dieser Konflikt ist real.

An der Figur von Gabrielle stellt sich die Frage nach der Liebe: Ist es Begehren? Selbstaufgabe? Wie ist Ihre Definition?
Meine Definition von Liebe ist, sich selbst ebenso wie das geliebte Gegenüber in seinem oder ihrem Sein zu akzeptieren. Liebe hat immer etwas damit zu tun, den anderen anzunehmen, wie er ist. Und es hat damit zu tun, wie viel man von sich selbst hergeben kann, ohne sich dabei aufzugeben.

Gabrielle wird nicht erlaubt, sie selbst zu sein, und dadurch beginnt sie, in einer aufregenden Fantasiewelt zu leben. Man kann einem Vogel nicht die Flügel abschneiden, ohne dabei seinen Verstand zu riskieren.

Sie haben in den letzten Jahren viel in den USA gedreht. Ist Ihnen die Arbeit in Frankreich als Gegenpol besonders wichtig?
Ja, natürlich. Ich schätze es sehr, mit Regisseuren aus allen möglichen Ländern zu arbeiten, aber zugleich liebe ich das französische Kino, es ist so stark und vielfältig. Der große Unterschied zwischen der Arbeit in Amerika und in Europa ist aber nicht das Land. Klar gibt es technische Verschiedenheiten, aber die sind nicht besonders interessant, der Unterschied ist, wie der jeweilige Regisseur oder die Regiseurin ihr Team anleitet: Mit Nicole Garcia und Guillaume Canet (mit dem Cotillard "Blood Ties" gedreht hat und außerdem liiert ist, Anm.) zu arbeiten, das ist kaum zu vergleichen mit der Arbeit mit Woody Allen ("Midnight in Paris") oder Robert Zemeckis ("Allied: Vertraute Fremde").

Nicole Garcia war lange Zeit selbst Schauspielerin. Ist es angenehm, wenn die Regisseurin Schauspielerfahrung hat?
Ich hab es geliebt. Sie weiß in jedem Moment der Dreharbeiten genau, in welcher Situation ich mich befinde, und das ist ungemein entspannend und entlastend, und hat uns eine ganz andere Vertrauensebene ermöglicht. Dadurch entsteht eine Verbindung, die schwer zu erklären ist. Aber wenn die Regisseurin die Schauspielerfahrung von innen kennt,ist das eine völlig andere Zusammenarbeit.

Haben Sie überlegt, selbst einmal Regie zu führen?
Ja, ich träume schon lange davon. Noch bin ich nicht so weit, aber wenn ich heute einem Regisseur oder einer Regisseurin bei der Arbeit zusehe, dann mache ich das inzwischen mit dem Hintergedanken, dass ich eines Tages selbst Regie führen möchte. Und denken Sie, mit was für fantastischen Leuten ich schon gearbeitet habe, Allen, Zemeckis, Xavier Dolan - eine bessere Schule kann es ja gar nicht geben für eine Regisseurin in spe.

Kino: "Die Frau im Mond", Literaturverfilmung, Frankreich 2016. Regie: Nicole Garcia. Mit Marion Cotillard, Louis Garrel, A. Brendemühl. Ab 21. 4.

Quelle: SN

Aufgerufen am 18.11.2018 um 03:54 auf https://www.sn.at/kultur/die-frau-im-mond-gabriele-lebt-in-einer-fantasiewelt-7787533

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