Kultur

"Die schönen Tage von Aranjuez": Wortgärtner trifft Kinoveteranen

Filmer Wim Wenders und Schreiber Peter Handke verbindet seit fast 50 Jahren eine Künstlerfreundschaft. Ihre jüngste Zusammenarbeit kommt diese Woche ins Kino: "Die schönen Tage von Aranjuez".

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einer sonnigen Terrasse und sprechen über die Liebe, über Angst und Freiheit, über Erinnerung und Sinnlichkeit: "Die schönen Tage von Aranjuez" ist ein Theaterstück von Peter Handke, das Handkes langjähriger Freund Wim Wenders verfilmt hat. Die beiden kennen sich seit den 1960er Jahren, als Wenders nach Handkes Vorlage den Film "Drei amerikanische LPs" drehte. Unter anderem führte Wenders auch Regie bei der Theaterinszenierung von "Über die Dörfer", mit dem Handke 1982 bei den Salzburger Festspielen debütierte.

Sie haben seit Ende der 1960er Jahre viele Filme mit Peter Handke gemeinsam gemacht. Wie hat sich das über die Jahre verändert?
Wim Wenders: Die Zusammenarbeit war manchmal nur punktuell, manchmal entscheidend, vor allem ganz am Anfang: Für meinen ersten öffentlichen Auftrag für einen Film hat mich Peter vorgeschlagen, das war so eine Art Musikvideo, bevor das Genre überhaupt erfunden war. Und als ich dann mit 25 fertig war mit meinem Studium, war ich aus meiner Klasse von zwanzig der erste, der einen Film gemacht hat, weil Peter gesagt hat, "Pass auf, ich hab da diesen Roman geschrieben, der ist gut angekommen, schau, ob du da nicht einen Film machen kannst." Das war "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Er hat mich da schon auf Schiene gesetzt.

Dann haben wir wieder zusammengearbeitet mit "Falsche Bewegung" (1975), auch ein wichtiger Film in meiner Laufbahn, da hat er das Drehbuch ganz allein geschrieben, weil ich noch am vorigen Film dran war und er keine Lust hatte, auf mich zu warten. Dann haben wir fast zehn Jahre lang nichts zusammen gemacht, und dann hat er mir sehr geholfen bei "Himmel über Berlin" (1987). Ich hab auch mitgearbeitet bei seinen Arbeiten als Filmregisseur, sowohl bei der "Linkshändigen Frau" (1978) als auch bei der "Abwesenheit" (1992) war ich Produzent, "Die Linkshändige Frau" ist einer meiner Lieblingsfilme überhaupt, ein viel zu selten gesehener Film. Und bei den Filmen, bei denen Peter mir geholfen hat, wäre das jetzt der fünfte.

Handke arbeitet zurückgezogen in seinem Haus in Frankreich. Wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?
Peter ist ein großer Briefeschreiber. Ich hab dieses Manuskript erst einmal bekommen mit einem Brief. Peter ist auch kein großer Redner am Telefon, und im Internet hat er auch nix verloren. Wir haben uns ein paar Mal getroffen und ausgetauscht über den Text, ich hab viele Fragen gehabt, aber er hat sich aus dem Drehbuch rausgehalten und gesagt, "Das musst du machen, auch wenn du den Text kürzt", das macht ja auch jeder Theaterregisseur. Er hat den Film im Rohschnitt gesehen, weiß dann aber auch, dass das die Arbeit von jemand anderem ist, bei der er besser nicht reinredet. Wir hatten bei allen Projekten ganz unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit. An einem Tisch gesessen und gemeinsam geschrieben haben wir aber nie.

Sie setzen im Film sehr prägnante Songs ein, bis hin zum leibhaftigen Nick Cave, der auf einmal im Vorzimmer am Flügel sitzt. Wonach haben Sie die Musik ausgewählt?
Gleichzeitig mit dem Schriftsteller, den ich ja für den Film erfunden hab, habe ich als vierte Rolle auch die Jukebox erfunden, weil ich mir dachte, so ein Schreiber, der hat auch mal eine Blockade, und dann muss er Pause machen. Und was gibt es da besseres als Musik zu hören? Da hab ich dann die Jukebox reingesetzt. Aber was drückt der da? Es war ein großer Spaß, das auszusuchen, ich wusste, dass Nick Cave vorkommen muss. Dieses Lied, das er da singt, "Into your Arms", ist eines meiner Lieblingsliebeslieder in der Rock'n'Roll-Geschichte. So eine Jukebox ist ja auch ein Projektionsapparat, und die stellt ihm halt den Nick Cave hin.

Dass wir anfangen mit Lou Reed war ein Wunsch von mir, weil ich sehr befreundet war mit dem Lou. Es gibt seine Stimme nicht mehr, aber sie existiert in den Songs weiter, und da war es für mich richtig, dass der Film mit diesem perfekten Song "A Perfect Day" anfängt. Und das Schlusslied singt der noch recht unbekannte Gus Black: "There's nothing more to say. The world is on fire but I love you." Erst beim Schneiden wurde mir klar, dass die Jukebox fast wie ein griechischer Chor ist, der den Film begleitet und kommentiert.

Ein verschmitztes Detail ist Handkes Auftritt als Gärtner. Wie ist die Figur entstanden?
Der Peter ist ein Gärtner, der schneidet seine Hecken und mäht seinen Rasen. Wenn man ihn besucht, ist er meistens im Garten, zumindest am Nachmittag. Morgens, zu seiner heiligen Zeit, da schreibt er. Aber er arbeitet viel im Garten, und deswegen war die Rolle des Gärtners auch das einzige, was ich ihm antragen konnte, nachdem er mir klargemacht hatte, dass er den Schriftsteller auf keinen Fall spielen wolle, weil das eine fiktive Rolle ist, die ich zu verantworten hätte.

(SN)

Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“. SN/polyfilm
Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“.
Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“. SN/polyfilm
Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“.
Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“. SN/polyfilm
Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“.
Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“. SN/polyfilm
Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“.
Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“. SN/polyfilm
Bilder zum Film „Die schönen Tage von Aranjuez“.

Aufgerufen am 20.01.2018 um 06:28 auf https://www.sn.at/kultur/die-schoenen-tage-von-aranjuez-wortgaertner-trifft-kinoveteranen-496852

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