Kultur

"Die Überglücklichen" im Kino: Verrückt nach Freiheit

Zwei Frauen versuchen den Ausbruch aus der Psychiatrie. Eine dieser "Überglücklichen" spielt Valeria Bruni-Tedeschi.

Sie ist eine Gschaftlhuberin, wie sie im Buche steht, und hält sich mit ihren Perlohrringen immer noch für was Besseres: In Paolo Virzis "Die Überglücklichen" - ab Freitag im Kino - spielt Valeria Bruni-Tedeschi die verwirrte Aristokratin Beatrice Morandini Valdirana, die vom Exmann in der Psychiatrie untergebracht wurde, und nun gemeinsam mit einer zweiten Patientin den Ausbruch plant. Der Film ist ein märchenhaftes Road Movie, doch italienisch-französische Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi sorgt dafür, dass ein Mindestmaß an Realismus gewahrt bleibt.

SN: Wie viel von Ihnen ist in dieser Figur enthalten?
Valeria Bruni-Tedeschi: Ehrlich gesagt habe ich nichts anderes getan, als mich selbst zu spielen. Ich bin ja genauso verrückt wie Beatrice, meine Filmfigur. Wenn ich mein Über-Ich auf Urlaub schicken könnte, dann würde ich mich genauso verhalten wie sie. Was wäre aus ihr geworden, wenn sie in einem anderen Umfeld gelebt hätte? Hätte man sie dann auch verrückt genannt? Diese Geschichte ist ja ein wunderbares Beispiel dafür, wie viel Einfluss Glück und Zufall auf unser Leben haben. Es ist immer eine Glückssache, wenn jemand dir im richtigen Moment etwas sagt, das deine Einsamkeit erträglich macht.

SN: Beatrice wird von Ihrer Familie im Stich gelassen. Wie wichtig ist Familie für Sie?
Extrem. Ich habe ja zwei Familien: Die meiner Kindheit, also meine Schwester Carla (die Frau des französischen Ex-Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy) und meine Mutter. Mit denen versuche ich auszukommen, keinen zu engen Kontakt, aber wir reden miteinander. Dann gibt es die Menschen, die nicht mehr da sind, meinen Bruder und meinen Vater, auch die versuche ich in meiner Arbeit irgendwie vorkommen zu lassen. Und dann ist da die Familie meines Erwachsenenlebens: Ich lebe getrennt und habe zwei Kinder, und die sind mir das Allerwichtigste. Ich nehme die beiden auch ans Set mit, hier sie sind uns an alle Drehorte quer durch die Toskana nachgereist. Meine Tochter kommt sogar im Film vor, ich verrate Ihnen aber nicht, wer sie ist. Und meine Mutter spielt mit. Ich bringe meine Familie immer irgendwie unter.

SN: Ein Symptom für Beatrices Realitätsferne ist, dass sie immer noch auf Berlusconis Seite steht. Ist "Die Überglücklichen" insofern auch politische Komödie?
Ja, sie ist verknallt in Berlusconi, das war witzig für mich zu spielen. Wir haben viel mit den Seiten der Figur gearbeitet, die man unsympathisch machen kann: Sie verteidigt Berlusconi, sie macht rassistische Bemerkungen, sie sagt schreckliche Dinge gegen Einwanderer. Es war reizvoll, damit zu spielen.

SN: Haben Sie da auch improvisiert?
Nein, alles steht genau so im Drehbuch. Manchmal konnte ich den Text nicht perfekt, musste aber schnell und präzis reden, also hab ich mich geschämt. Und Scham ist für mich immer eine gute Sache. Die Angst, nicht gut zu sein, die Angst, den Text zu vergessen, Schuld, Scham, Schmerz, Einsamkeit, all das ist pures Gold für meine Arbeit.

SN: Ist es Ihnen wichtig, über sich selbst zu lachen?
Ich brauche das zum Überleben, wie Sauerstoff. Regisseur Bruno Dumont hat neulich gesagt, "Komödie ist dann, wenn das Drama scheitert." Genau so arbeite ich.

SN: Sie sind seit fast 30 Jahren Filmschauspielerin. Haben Sie je daran gedacht, nach Hollywood zu gehen?
Haben Sie mich schon Englisch reden gehört? Ich mag ja verrückt sein, aber ich bin nicht wahnsinnig.

Kino: "Die Überglücklichen", Tragikomödie, Italien 2016. Regie: Paolo Virzì . Mit Valeria Bruni Tedeschi, Micaela Ramazzotti, Anna Galiena. Start: 6.1.

Quelle: SN

Aufgerufen am 16.11.2018 um 06:29 auf https://www.sn.at/kultur/die-uebergluecklichen-im-kino-verrueckt-nach-freiheit-558922

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