Kultur

"Ein deutsches Leben": Eine von Vielen

Der Interviewfilm "Ein deutsches Leben" lässt eine der letzten Zeitzeuginnen aus Goebbels' Ministerium reden.

"Na klar bin ich in die Partei eingetreten. Warum nicht? Alle taten das!" Brunhilde Pomsel ist 104 Jahre alt, als sie von den vier Regisseuren Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer für den Film "Ein deutsches Leben" (ab Freitag im Kino) befragt wird. Zuerst hatte sie als Sekretärin für einen jüdischen Rechtsanwalt gearbeitet, nach dessen Emigration 1933 wechselte sie in die Dienste eines deutschnationalen Frontkämpfers, schließlich zum Rundfunk, und von dort in Joseph Goebbels' Propagandaministerium.

Eitel sei der Reichspropagandaminister gewesen, charmant, bei seinen Reden konnte er zum zornigen Zwerg werden. Und sie, nein, sie habe nicht geahnt, dass die Formulare, an denen sie arbeitete, zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte gehörten.

Im Film ist Brunhilde Pomsel in gestochen scharfem Schwarzweiß inszeniert, als wäre sie mit Silber übergossen, eine alte Dame mit mädchenhafter Koketterie. Was sie zu sagen hat, ist die Sichtweise einer Frau, die sich auf der Seite der Anständigen wähnte.

"Erst nach dem Krieg hab ich erfahren  . . ." : Wer mit Großeltern und Zeitzeugen spricht, kennt solche Sätze. Bei Pomsel ist es die Nähe zur Macht, die ihr Zeugnis hörenswert macht. Doch das ist den Regisseuren nicht genug: Pomsels Aussagen sind illustriert mit Bildern aus US-Lehrfilmen über die "verführten" Deutschen, Ausschnitten aus deutschem Propagandamaterial, Goebbels-Zitaten.

"Sind wir nicht alle ein bisschen Pomsel" war der Titel einer Diagonale-Veranstaltung zum Film, und genau das umreißt die Bedeutung dieses Films: Ob wir uns nicht als feige Mitläufer ebenso mitschuldig gemacht hätten wie Brunhilde. In ihrem Regie-Statement spannen die Regisseure den Bogen in die Gegenwart, zu Populismus und der Normalisierung von Gewaltrhetorik, und haben damit auch nicht unrecht. Aber wie das begleitende Bildmaterial eingesetzt ist, ist bestürzend hemdsärmelig.

Ein Ausschnitt zeigt den erschreckenden Umgang mit den Leichen Verhungerter im Ghetto von Warschau, von Deutschen gefilmt, der Zweck für dieser Aufnahmen ist bis heute nicht geklärt. Und so, wie die Bilder in "Ein deutsches Leben" eingesetzt sind, bleibt diese Unschärfe unerwähnt, die Leichenbilder fungieren nur als reißerisches Ausrufezeichen: "Entsetzliche Dinge sind passiert!" Und sie dienen als Kontrast zu ihrem Beharren: "Wir konnten es doch nicht wissen!" Aber im schmalen Spalt zwischen Nichtwissenkönnen und Absichtlichwegschauen lauert ein Abgrund.

Im Jänner 2017, im Alter von 106 Jahren, ist Brunhilde Pomsel gestorben.

Film: Ein deutsches Leben. Doku, Österreich/Deutschland 2016. Länge: 113 Min. Regie: Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer, Florian Weigensamer. Start: 7. 4.

Quelle: SN

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