Kultur

"Einfach das Ende der Welt": Die Hölle der eigenen Verwandtschaft

In Xavier Dolans brillant gefilmtem "Einfach das Ende der Welt" eskaliert ein Familienfest. Beim Filmfestival in Cannes hatte es dafür heuer den Grand Prix der Jury gegeben.

Lang hat man einander nicht mehr gesehen! Aber alle heiligen Zeiten kommen doch alle zusammen: In Xavier Dolans "Einfach das Ende der Welt", dem sechsten Film des 27-jährigen kanadischen Regiewunderkinds, sind Stars wie Bond-Lady Léa Seydoux, die derzeit allgegenwärtige Marion Cotillard und der unverwüstliche Vincent Cassel die Mitglieder einer brutal kaputten Familie, wie Tennessee Williams sie nicht besser hätte schreiben können. Der junge Franzose Gaspard Ulliel spielt die Hauptrolle eines todkranken erfolgreichen Schriftstellers, der ein letztes Mal zu Besuch ins klaustrophobische Haus seiner Mutter kommt.

Gaspard Ulliel ist derzeit auch im ausgezeichneten Loïe-Fuller-Biopic "Die Tänzerin" zu sehen. Im Interview mit den SN spricht er über Geschwister, Identifikation und lukrative Nebenjobs.
SN: Xavier Dolan macht einen unvergleichlichen Film nach dem anderen. Wie passt dieser in seine Filmografie?
Gaspard Ulliel: Oh, er passt, aber er ist doch auch wieder ganz anders, und ein gewaltiger Schritt nach vorn. Xavier hat so früh begonnen Regie zu führen, wir haben ihm mit seinen Filmen praktisch beim Aufwachsen zuschauen können. Diesen nennt er selbst seinen ersten Film, den er als erwachsener Mann gedreht hat, und das ergibt für mich auch Sinn. Er ist reduzierter als die früheren Filme.

Wenn Sie das zugrunde liegende Theaterstück (von Jean-Luc Lagarce, Anm.) lesen, halten Sie eine Verfilmung für unmöglich, aber genau hier liegt die Brillanz des Films: Es geht um Menschen, die sich nicht mit Worten äußern können. Und all dieses Unausgesprochene wird durch die Kraft der Kinobilder ausgedrückt.
SN: Der Film erzählt von komplizierten Geschwisterverhältnissen, was viele Zuschauer berührt. Ging es Ihnen ähnlich?
Ich habe keine Geschwister. Aber alle, die mit mir über den Film reden, erzählen mir von ihren eigenen Familien, von Müttern, verstorbenen Vätern oder Geschwistern. Offenbar provoziert der Film das: Es gibt so viele Momente, die eine Identifikation erlauben, und das macht diesen Film so kraftvoll, weil er so viele Echos in jedem und jeder von uns hervorruft.
SN: Es ist Dolans bisher prominentestes Filmcast, mit Ihnen, Marion Cotillard, Léa Seydoux, Vincent Cassel. Macht das einen Unterschied?
Nun, abgesehen von mir vielleicht, aber der Rest von uns sind lauter fantastische Leute, und ich gebe zu, ich war ein bisschen eingeschüchtert. Nach dem Riesenerfolg von "Mommy" (Dolans letztem Film, Anm.) wussten wir, dass die Leute mit Argusaugen auf einen Fehler warten würden. Dass er hier die allerbesten französischen Schauspieler gecastet hat, war ein Risiko. Aber was mich beeindruckt: Es gelingt ihm, dass die Zuschauer vergessen, welche berühmten Leute da spielen, und nur die Leiden und Freuden der Figuren sehen.
SN: Die Hauptakteure in dem Film stehen ja sogar alle mit Ihren Gesichtern für diverse Modelabels, was die Sache wohl noch heikler macht?
Ja, Marion macht das für Dior, Léa ist Louis Vuitton, ich arbeite für Chanel, und Vincent macht Yves Saint Laurent - also ja, es ist ein Cast mit sehr bekannten Gesichtern. Aber es ist gelungen. Und für mich bedeutet der Job für Chanel größere finanzielle Unabhängigkeit. Ich kann mir dadurch zwischen meinen einzelnen Filmengagements Zeit lassen und mir wirklich die richtigen Projekte aussuchen. Bei mir ist es noch nicht so wie bei Marion, die sowieso ununterbrochen große Projekte hat (allein derzeit ist Cotillard auch in "Allied" und in "Assassin's Creed" zu sehen, Anm.) und ich immer noch sehr viele mittelmäßige Angebote, die mich nicht interessieren, und da bin ich froh, wenn ich mir leisten kann, die abzulehnen.
SN: Aber Ihre Modearbeit und Ihre Filmarbeit beeinflussen einander doch. Sie haben immerhin vor zwei Jahren Yves Saint Laurent gespielt.
Nein, nicht wirklich, das war letztlich auch nur eine weitere Filmrolle. Ich habe da nie eine Verbindung gesehen, denn es geht in dem Film doch um eine Welt, die gar nicht mehr existiert. Die Modewelt damals war völlig anders, als sie heute ist. Yves Saint Laurent war eine der letzten dieser großen Couturier-Persönlichkeiten, die es heute in der Form gar nicht mehr gibt.

Kino: Einfach das Ende der Welt, Tragikomödie, Frankreich/Kanada 2016. Regie: Xavier Dolan. Mit Marion Cotillard, Léa Seydoux, Vincent Cassel, Gaspard Ulliel, Nathalie Baye.

Quelle: SN

Aufgerufen am 19.09.2018 um 11:12 auf https://www.sn.at/kultur/einfach-das-ende-der-welt-die-hoelle-der-eigenen-verwandtschaft-574876

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